Nicht nur Schimpf und Spott. Münzen und ihre Namen

Vortrag vor dem Circulus Numismaticus Basiliensis
Basel, 15. Januar 1997

 

Benedikt Zäch

 

Es wäre eine dankbare Aufgabe

 einmal alle schweizerischen Münznamen

 auf ihren Ursprung und ihre Etymologie hin zu untersuchen,

 vielleicht gelangte man dann auch

 zu einer annehmbaren Erklärung

 von «Blutzger», «Batzen» und andern

 bisan noch unaufgeklärten Namen.

 

Eduard Hoffmann-Krayer (1899)

 

Dieses Zitat – es stammt vom Altmeister der schweizerischen und deutschen Volkskunde, von Eduard Hoffmann-Krayer und aus dem Jahre 1899 – verweist auf die wissenschaftlichen Anfänge unseres Themas und zugleich auf den heutigen Forschungsstand. Denn niemand würde ohne weiteres behaupten, Hoffmann-Krayers Forderung sei heute bereits erfüllt; andererseits gibt zumindest für einen der für ihn noch unaufgeklärten Namen heute eine sinnvolle Erklärung.

 

 

Numismatik und Münznamenkunde

 

Die Münznamenkunde ist ein numismatisches Teilgebiet, das die Verbindung mit der Sprachwissenschaft historisch-volkskundlicher Ausrichtung sucht. Sie ist in Teilaspekten vergleichbar mit der Burgnamenkunde.

Überhaupt ist ja die Numismatik, breit verstanden, eine besonders stark mit Nachbarwissenschaften (Archäologie, Wirtschafts- und Technikgeschichte, Kunstgeschichte) vernetzte Disziplin. Bei den Klagen über die Numismatik als Hilfswissenschaft der Geschichte sollte man selbstbewusster auch daran denken.

Eine Beschäftigung mit Münznamen erfordert zwar in erster Linie numismatische Kenntnisse; ohne diese sind die vielfältigen Probleme der Identifizierung und Einordnung von Münznamen gar nicht zu lösen. Umgekehrt machen erst die Systematik der sprachwissenschaftliche Analyse und die Untersuchung der Entwicklung der Wortformen die Funktion von Münznamen voll verständlich.

Es ist gewiss dieser interessanten, aber auch schwierigen Stellung zuzuschreiben, dass die Beschäftigung mit Münznamen über weite Strecken ein Tummelfeld unbefriedigender «volksetymologischer» Erklärungsversuche geblieben ist. Dabei füllt eine systematische und methodisch zuverlässige Untersuchung von Münznamen nicht nur schmerzliche Lücken bei der Identifizierung von Münzbezeichnungen, sondern eröffnet – durch die Aufhellung von deren Quellen, Motiven und Verwendungsweisen – ein ganz neues Feld in der Untersuchung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Sachgüterkultur.

Im folgenden Durchgang möchte ich versuchen, Ihnen anhand eines lockeren Forschungsberichtes Stand und Aussichten dieses Nebenzweiges der Numismatik. Einiges von dem, was Sie hören werden, wird den Kundigen unter ihnen nicht neu sein. Wenn es aber dazu beiträgt, gewisse Aspekte wieder frisch zu betrachten, so ist es im Sinne dieses Versuchs.

 

 

Die Beschäftigung mit deutschen Münznamen

 

Münznamen erscheinen im deutschen Sprachraum in der lexikographischen Literatur zur Numismatik schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts; als Beispiel sei Carl Christoph Schmieders Handwörterbuch der gesammten Münzkunde von 1811 erwähnt.

Die ernsthafte Beschäftigung damit setzte jedoch erst mit dem Sprachhistoriker Edward Schröder ein. In einer langen Reihe von kleineren Studien setzte er sich mit einzelnen Namen und Namengruppen auseinander; zu einer zusammenfassenden Untersuchung, die er plante, kam es jedoch nie. Schröder beschäftigte sich auch mit Burgnamen und Benennungen von anderen Sachgütern, wandte sich später aber ganz der Personennamenforschung zu.

Immerhin war die Forschung für einige Jahre angeregt, was weitere Studien aus diesem Zeitraum bezeugen, aber namentlich Schröders Kontroverse mit Julius Cahn über den Ursprung des Namens Rappen.

Auf längere Sicht gesehen, lösten Schröders münznamenkundliche Arbeiten aber keine intensivere Beschäftigung mit deutschen Münznamen aus. Das zeigt sich schon daran, dass sie immer noch Ausgangs- (und häufig auch Endpunkt) der Beschäftigung mit dem Thema sind. Nicht nur der Kuriosität halber sei aber erwähnt, dass Schröders Arbeiten bis in die angelsächsische Numismatik hinein wirkten: in einem Aufsatz über den (Münz)namen Sterling hält Philip Grierson 1961 fest: «the articles are amongst the most valuable contrubutions that have been made to the subject».

Im deutschen Sprachraum blieb es bei lexikographischen Beiträgen, etwa in von Schrötters Wörterbuch der Münzkunde, das im übrigen bei verschiedenen Münznamenartikeln einen Rückschritt gegenüber Schröder bringt. Bezeichnend ist, dass in numismatischen Bibliographien oft selbst das Stichwort Münznamen fehlt (Overbeck, Bibliographie bayerische Mzgesch; Probzst, Quellenkunde). Bis heute fehlt jeder Versuch einer Zusammenfassung auch nur für ein Teilgebiet.

 

 

Die schweizerischen Münznamen

 

Bei der Frage nach den «schweizerischen» Münznamen in älterer Zeit gilt es zunächst festzuhalten, dass der Gebrauch von Münznamen ja direkter Ausfluss der Zahl und Vielfalt von Münzsorten ist, die im täglichen Geldverkehr zirkulierten. Angesprochen sind also alle zu einer bestimmten Zeit häufigen und gut bekannten Münzen, unabhängig davon, ob sie schweizerischer oder fremder Herkunft waren.

Die Untersuchung der schweizerischen Münznamen muss also eine Untersuchung der in der Schweiz verwendeten Münznamen sein, sie hat gleichermassen Namen von Münzen aus schweizerischen Prägestätten wie solche von Münzen ausländischer Herkunft zu berücksichtigen, sofern diese Namen im schweizerischen Sprachraum gebildet oder in erster Linie hier verwendet wurden. Schon deshalb ist der Blick auf die Münznamenforschung im übrigen deutschsprachigen – und eigentlich auch andersprachigenen – Raum unerlässlich.

Unter den älteren Münznamen verstehe ich schliesslich solche aus der Zeit vor der definitiven Einführung einer einheitlichen Bundeswährung im Jahre 1852. Die allermeisten der angeführten Beispiele stammen aus der Zeit vor 1800; der sich herausbildende Schwerpunkt im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit spiegelt in erster Linie die Forschungssituation wider. Sie ist durch eine bislang schlechte Aufarbeitung der vielfältigen Münznamen des 17. bis 19. Jahrhunderts gekennzeichnet.

 

 

Die Quellen

 

Vor etwa 1800, d.h. den ersten Anfängen der ethnographischen Aufzeichnung mündlicher Tradition, werden für uns Münznamen erst dann fassbar, wenn sie sich in die schriftliche Überlieferung niederschlagen. Früheste Belege in grösserer Zahl finden sich daher erst im 14. Jahrhundert, zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Volkssprache auch in der «offiziellen» schriftlichen Überlieferung durchgesetzt hat.

Für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit stehen eine ganze Reihe von hervorragenden Quelleneditionen zur Verfügung, die reiches Namenmaterial zur Verfügung stellen. Dabei sind verschiedene Gruppen zu unterscheiden, die auch in ihrem Quellenwert für den Nachweis von Münznamen sehr unterschiedlich sind.

 

Wirtschaftsquellen

Am wichtigsten sind die - allerdings bislang seltenen - Editionen von Wirtschaftsquellen zu nennen; für Zürich und St.Gallen liegen umfassende Quellensammlungen vor. Verschiedene neuere Bände der Schweizerischen Rechtsquellenedition sind in dieser Hinsicht ebenfalls ergiebig – etwa der erste Band der Schaffhauser Rechtsquellen von 1989. Hinzu kommen Sammlungen von Finanzquellen im engeren Sinne, so etwa die - leider nicht durch ein Register erschlossene - Edition der Basler Stadtrechnungen bis 1535 von Bernhard Harms und Emil Dürr.

 

Urkundenbücher

Zum andern sind diejenigen Urkundenbücher, die zumindest bis weit ins 14. oder ins 15. Jahrhundert fortgeführt sind, anzuführen; besonders erwähnt sei das Urkundenbuch der Abtei St. Gallen, das weit ins 15. Jh. (bis 1442) reicht sowie dessen Neubearbeitung im Chartularium Sangallense, das bisher bis 1361 gediehen ist. Ihr Quellenwert für Münznamen ist allerdings oft bescheiden, da in Urkunden Geldangaben fast immer in Rechnungswährung (in der Regel Pfund, Schilling, Pfennig) gemacht werden und Bezeichnungen für Münzsorten nur selten erscheinen. Als «gesamtschweizerische» Quellensammlungen können die Sammlung der eidgenössischen Abschiede (bis 1798) sowie die Urkundenabteilung des Quellenwerks zur Schweizer Geschichte (bis 1344) gelten. Das Quellenwerk liegt allerdings zeitlich fast zu früh und unterliegt denselben Einschränkungen wie die Urkundenbücher, während die «Abschiede» nicht immer zuverlässig ediert sind.

 

Chroniken, Quellensammlungen, Akten

Chroniken und andere Geschichtsaufzeichnungen namentlich des Spätmittelalters bringen nur in Einzelfällen Erwähnungen von Münznamen; sie sind eher wichtig für die zeitliche Einordnung bestimmter Namensformen und bieten manchmal erste Worterklärungen an. Vor allem Aegidius Tschudi hat in seinem Chronicon Helveticum verschiedentlich Münznamen erläutert, z.B. Angster.

Frühneuzeitliche und neuzeitliche Quellensammlungen sind noch spärlich; nennen möchte ich hier die Quellensammlungen zur Reformationsgeschichte in Zürich und Basel sowie die Walliser Landratsabschiede des 16. Jh., zu denen Colin Martin numismatische Bemerkungen gemacht hat. Das meiste aber ist für diese Zeit über die Neuerschliessung archivalischer Bestände erst zu leisten. In Frage kommen dabei, neben den stets heranzuziehenden Ratsprotokollen, Rechnungen der Seckelämter, Probierbücher, Münzakten etc.; Probierbücher sind besonders wichtige Quellen, da sie meist eine genaue Beschreibung der geprüften Münzen mit Abbildungen verbinden. Aus dem 16. und 17. Jh. sind solche aus Zürich und St.Gallen bekannt.

 

Literarische Quellen, mündliche Überlieferung

Münznamen finden sich nicht nur in der Gruppe der sog. historischen «Überreste», sondern auch in literarischen Quellen. Bereits erwähnt wurden die spätmittelalterlichen Chroniken, denen sich seit der Neuzeit alle Arten von annalistischen Aufzeichnungen oder Zeitgenossenberichten anschlossen. In Einzelfällen bemühen sich deren Verfasser auch um erste Erklärungen vornehmlich merkwürdiger oder in ihrer Zeit nicht mehr recht verstandener Namen.

Selbst die Belletristik leistet einen Beitrag zur Überlieferung von Münznamen, wobei vor allem an mundartsprachliche Romane und Erzählungen oder an heimatliteratische Erzeugnisse zu denken ist; die SM unterhalten seit Beginn eine Rubrik Florilegium Numismaticum, die nicht nur Blütenlesen zu diesem Thema versammelt.

Auch mündliche Quellen kommen für die neuere Zeit zur Geltung. In Aufzeichnungen mündlicher Erzähltradition, die im 19. Jahrhundert begannen und in der Mitte unseres Jahrhundert selbst in abgelegenen Gebieten mit den letzten Resten dieser Tradition konfrontiert wurden, wäre wohl noch einiges Namenmaterial zu finden, auch in Verbindung mit Erklärungen und volkstümlichen Herleitungen von Münznamen.

Ein Randgebiet «mündlicher Überlieferung» stellen seit dem 18. Jahrhundert die Sammler- und Händlerbezeichnungen für bestimmte Münztypen dar. Da sie oft nur schwer von zeitgenössischen Münznamen zu unterscheiden sind, finden sie sich immer wieder in Zusammenstellungen historischer Münznamen. Ein besonders instruktives Beispiel ist der Name „Bäggeli-Angster“.

 

 

Spezielle Bezeichnungen, Brauchtum

 

Bäggeli-Angster: Die Bezeichnung für eine Luzerner Kleinmünze, offenbar von Coraggioni in die numismatische Literatur eingeführt und dort bald als Allgemeingut ständig weitertransportiert, scheint im späten 19. Jahrhundert in Sammlerkreisen entstanden zu sein; der zeitgenössische Name für diese Münzen ist Buggelangster bzw. buggelechter Angster (mit Bezug auf den Perlkreis – búggeli – der Münze, vielleicht auch wegen des starken Reliefs der einseitigen Prägung). Der Name Bäggeli-Angster bezieht sich auf das Münzbild, das einen stark stilisierten, mitrierten Kopf von vorn, den Hl. Leodegar als Bischof, darstellt.

Offenbar in Sammlerkreisen aufgekommen, ging er allmählich selbst in die namenkundliche Literatur ein, ohne noch hinterfragt zu werden.

Weitere Beispiele: Gessner-Taler (sehr seltener Taler 1773 von Zürich, für den Salomon Gessner den Münzstempel entwarf, Madonnen-Plappart (Plappart der Zeit um 1490/1500 von St.Gallen mit der stehenden Muttergottes), Vögeli-Taler (seltener Taler 1651 von Zürich mit Stadtansicht und drei über den Horizont hinwegziehenden Vögeln) und viele mehr.

Nur nebenbei sei der ganze Bereich des Münzbrauchtums erwähnt, das bisher für die Schweiz wenig erhellt ist, aber womöglich unklare Namen deuten helfen könnte und jedenfalls Hintergründe der Motive bei der Namengebung sichtbar machen würde.

 

 

Probleme des Namenmaterials

 

Das schillernde und erklärungsbedürftige Erscheinungsbild der Münznamen, die die grosse Vielfalt an kursierenden Münzsorten spiegelt, wirft bei einer Untersuchung eine Reihe von Schwierigkeiten auf.Neben vielen gängigen, eindeutigen Bezeichnungen, die mit den Einheiten der Münzrechnungssysteme identisch sind. Das gilt für Pfennig, Kreuzer, Schilling, Groschen und Taler als Bezeichnung einer Münzeinheit und einer Münzsorte.

Daneben findet sich auch eine grosse Zahl von Namen, deren Herkunft und Bedeutung nicht auf Anhieb klar ist. Oft sind sie von derber Art; die zürcherischen Kräjenplapparte, die den Adler als «Krähe» zu verhunzen scheinen, wurden ganz offiziell so bezeichnet. Oft werden diese Namen durch intensiven mündlichen Gebrauch verschliffen, durch phonetische Missverständnisse fehlgedeutet und in ihrer abwertenden Verwendung manchmal verstärkt Nicht zu unterschätzen sind dabei der Aspekt der Ehre (eines Münzstandes z.B.), der die Empfindlichkeit gegenüber Spott wesentlich beeinflusste.

Drei Dinge gilt es bei der Interpretation in der Regel anzugehen:

1. Identifizierung: Kaum ein Münzname lässt sich ohne weiteres mit dem/den bestimmten Münztyp(en) verbinden, den/die er bezeichnet; damit bleibt aber sowohl Datierung wie Herkunft der bezeichneten Münzsorte zunächst offen. Aus numismatischer Sicht ist die Identifikation der Münznamen das wichtigste Ziel, für die Münznamenkunde ist sie aber in der Regel Bedingung für die volkskundlich-sprachhistorische Behandlung.

2. Etymologie: Die bei der Entstehung von Münznamen wirkenden, vielfältigen Motive sind nicht in einer klaren Systematik erfasst. Deshalb verlangt eine Bestimmung der Herkunft eines Münznamens die Kombination numismatischer, sprachgeschichtlicher und volkskundlicher Zugangsweisen. So ist z.B. die häufig zu beobachtende Übertragung von bestimmten Münzsortenbezeichnungen auf andere Münzen, die mit der ursprünglichen Münzsorte wenig gemein haben, nur münzgeschichtlich zu erklären; die Veränderung von Namen bis zur Unkenntlichkeit, die Verwandtschaft zwischen Namen, die zunächst keine Verbindung untereinander zu haben scheinen, ist schliesslich nur mit sprachwissenschaftlichen Kenntnissen zu erschliessen.

3. Sprachgeschichtliche Untersuchung: Wie alle Sachgutbezeichnungen unterliegen auch Münznamen einer nach lautgesetzlichen Regeln ablaufenden Wandlung und dialektal bestimmten Unterschieden, die es zu erkennen und zu analysieren gilt. Der intensive Gebrauch, Übersetzungsversuche und die Wanderung von Münznamen verwischen diese Elemente oft genug. Neben der Sammlung von Namenbelegen ist daher ihre sprachhistorische Sichtung nach Zusammengehörigkeiten und lautlicher Gestalt Voraussetzung für die weitere Untersuchung.

 

 

Beschäftigung mit schweizerischen Münznamen

 

Die erste Beschäftigung mit den Münznamen der Schweiz geht nicht so weit zurück wie diejenige mit den Münzen selbst. Das liegt daran, dass für die numismatischen Arbeiten des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erfassung des Münzmaterials noch ganz im Vordergrund stand. Eine Ausnahme bildet Johann Heinrich Wasers Abhandlung vom Geld; er bespricht darin kurz die Bedeutung der Münznamen aus geldgeschichtlicher Sicht. Einzelne Namen von Münzen flossen auch in die ersten mundartlichen Wörterbücher ein, z.B. in Johann Jakob Sprengs Idiotikon Rauracum oder Baseldeutsches Wörterbuch (um 1760).

Erst mit der umfassenden Sammlung des mundartlichen Namenmaterials jedoch, wie sie mit dem Schweizerischen Idiotikon angegangen wurde, und dem Einfluss der neuen Disziplin der beschreibenden Volkskunde begann das Interesse an Münznamen stärker zu werden. Die intensive Quellenaufarbeitung zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schweizer Geschichte seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhundert mag dieses Interesse noch verstärkt haben; es ist jedenfalls an der chronologischen Auflistung der Beiträge zur Münznamenkunde gut erkennbar.

Ganz im Vordergrund dieser Bemühungen stand die Klärung von einzelnen Münznamen, die Beibringung neuer Belege für noch unerklärte oder in Diskussion befindliche Namen und in Einzelfällen auch philologische Deutungsversuche. Bei der Interpretation der Münznamen handelt es sich um erste Ansätze auf einer noch schmalen Basis, wie auch aus einigen frühen Artikeln zu Münznamen im Schweizerischen Idiotikon deutlich wird.

 

Die Systematisierung von Stückelberg

Einen allgemein gefassten Versuch zur Systematisierung der Münznamen unternahm schon bald der Kulturhistoriker Ernst Alfred Stückelberg. In einer kleinen Schrift mit dem Titel Münzsammler, 1899 in erster und 1919 in zweiter, erweiterter Auflage erschienen, setzte er sich in einem grösseren Kapitel auch mit den europäischen Münzbezeichnungen auseinander. Stückelberg unterschied mit einem einfachen Raster ingesamt 21 Herkunftsgruppen von Münznamen:

 

Systematik Stückelberg: Münznamen nach dem / der / den

1. Namen des Münzherrn

4. Jahr/Anlass der Prägung

2. Titel des Münzherrn

5. Münzmeister

3. Dynastie des Münzherrn

6. Ort der Prägung

 

7. Münzgebäude

 

 

8. Münzbild

11. Rand

9. Umschrift

12. besonderer Bestimmung

10. Kontermarke

13. Farbe

 

 

14. Metall

16. Feingehalt

15. Herkunft des Metalls

17. Klang

 

 

18. Grösse

20. Werteinheiten

19. Dicke

21. Alter

 

Obschon sich die Liste sichtlich bemüht, die ganze Bandbreite möglicher Motive für Münznamen wiederzugeben – Stückelberg brachte unter jeder Gruppe eine Reihe von Münznamen als Beispiele –, lässt sie doch eine durchgehende Logik vermissen. Wichtige Merkmale (z.B. Nr. 1-4; 8/9; 18-20) stehen neben peripheren (z.B. Nr. 6/7, 17), die nur in Extremfällen als münznamenbildend angesehen werden können. Durch die Vielzahl von Kriterien entsteht zudem die Gefahr, eine bestimmte Münze nicht mehr genau einordnen zu können, da unter Umständen mehrere Kriterien gleichzeitig in Frage kommen.

 

Die Systematik von Schwarz

Schwarz dagegen schlug 1958 – ohne auf Stückelberg Bezug zu nehmen – in einer einfacheren Anordnung sechs Herkunftsgruppen von Münznamen vor:

 

Systematik Schwarz

Nach dem Wert

Nach der Qualität

Nach dem Alter

Nach dem Aussehen

a) Münzbild
b) Aufschrift
c) Farbe

Nach dem Metall

Nach der Herkunft

 

Diese Zusammenstellung, besser strukturiert als diejenige von Stückelberg und fast alle wichtigen Motivbereiche umfassend (es fehlt lediglich die Herkunftsgruppe «Münzherrschaft»), scheint als pragmatischer Vorschlag für die Arbeit mit Münznamen gut geeignet.

Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unternommenen Einzelstudien zu verschiedenen schweizerischen haben in einer ganzen Reihe von Fällen zur Klärung ihrer Herkunft und Bedeutung, zumindest aber zur Erhellung ihrer Überlieferung und Entwicklung, geführt. Einige wenige Beispiele sollen dies erhellen.

 

 

Einzelstudien

 

Angster: Der Name für den Doppelpfennig, seit der Zeit um 1340 belegt, wird heute allgemein von lat. angustus (= eng) hergeleitet. Er scheint seinen Ausgang in Basel genommen zu haben und verbreitete sich bis etwa 1380 rasch in der ganzen Nordschweiz. Aegidius Tschudi sah im Wort Angster noch eine Verballhornung von Antlitz, eine irrige Ansicht, die sich teilweise bis heute in der Literatur hält.

Kelchbatzen, Kelchschilling: Der Name geht auf einen Gegenstempel in Form eines Kelches zurück, den Innerschweizer kurz nach der Reformation auf Zürcher Schillingen und Batzen anbrachten, um gegen die Einschmelzung von Kirchengut aus Gold und Silber zu protestieren. Heute sind sowohl Batzen als auch Schillinge mit Kelch-Gegenstempel bekannt.

Neuerdings werden sie als Verfälschungen angesehen, die für Sammler hergestellt wurden. Auffällig ist zumal, dass die ersten bekannten Exemplare kurz nach dem von Geigy auftauchten, der die Kelchstempelung erstmals bekannt gemacht hatte.

Rollbatzen: Die lange Kontroverse um diesen Namen scheint heute geklärt; es handelt sich vermutlich um einen Schimpfnamen, zusammengesetzt aus Rollen (= getrocknete Exkremente) und Batzen (= Klumpen, Dreckklumpen). Bereits die Chronisten des 16. Jahrhunderts befassten sich mit der Etymologie des Worts: Valerius Anselm leitete Batzen von petz (Bär) her, Stumpf folgte ihm darin und versuchte auch das Wort «Rollen» mit der Herkunft von einem Spielspruch zu erklären.

Schnabeltaler: Die Bezeichnung soll vom Silbererz des Schnabelberges herrühren, aus dem diese Taler geprägt worden seien. Nach Zeller-Werdmüller wurden 1548/49 und 1551 am Schnabelberg geringe Mengen an Silber gefördert, nachdem bereits 1545 eine Silberprobe genommen worden war. Die Ausbeute reichte gerade für die Prägung von zwei (!) Talern. Der Name wurde bereits im 16. Jahrhundert auf die Taler von Jakob Stampfer der Jahre 1558/59 übertragen.

Stebler: Der Name erscheint offenbar um 1343 im Aargau. Zunächst waren damit wohl Basler Pfennige von Johann Senn von Münsingen gemeint. Der Begriff wurde aber bald auf andere kleine Pfennige übertragen. Um 1360 scheint der Name Stebler – unabhängig vom Münzbild – nurmehr kleine Pfennige (Hälblinge) bezeichnet zu haben.

Dass der Name Stebler etwa gleichzeitig mit dem Namen Angster erscheint, ist vielleicht kein Zufall. Im Zuge einer Differenzierung des Pfennigs, die in Basel durch eine rasche Verschlechterung des Feingehalts zwischen 1335 und 1340 wohl noch befördert wurde, können sich mit dem Angster und Haller ein schwerer (ganzer) und ein leichter (halber) Pfennig herausgebildet haben.

 

 

Die Aufgaben

 

Die ausgewählten Beispiele machen zweierlei klar:

Es ist unerlässlich, die älteste schriftliche Überlieferung eines Namens zu prüfen. Viele Klärungen (hier: Bäggeli-Angster, Rollbatzen [zeitlich]; Schnabeltaler) nicht nur des ersten Auftretens eines Namens, sondern ebensosehr seiner Bedeutung sind nur auf diesem Wege möglich.

Primäre (d.h. zeitgenössische) Belege sollten von sekundären Belegen sorgsam getrennt werden; zeitgenössische Bezeichnungen, die viel später entstanden zu sein scheinen (Schnabeltaler, Kelchschilling) stehen unmittelbar neben solchen, die für zeitgenössisch gehalten werden könnten (Bäggeli-Angster), sich aber als modern herausstellen.

Beim gegenwärtigen Forschungsstand sind derartige Einzeluntersuchungen, wie es scheint, noch auf längere Sicht unverzichtbar; zum einen tauchen stets wieder bisher nicht belegte oder erklärte Namen auf, zum anderen ist die bisher untersuchte Zahl von Münznamen für übergreifende Fragestellungen zu klein.

 

Sammlungen von Münznamen

Ausgangspunkt jeder Arbeit mit Münznamen sind die verschiedenen, allerdings ungleich ergiebigen Münzlexika; die wichtigeren unter ihnen stammen aber ausnahmslos aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts und veralten zusehends, ohne dass ein Ersatz in Sicht wäre.

Die heute wichtigsten Sammlungen und Erläuterungen von Münznamen finden sich deshalb in münzgeschichtlichen Werken, die meist einen kleineren Themenkreis oder Zeitraum abdecken. Sie sind aber der beste derzeit gangbare Weg, um das Namenmaterial zu vermehren und dessen Deutung voranzutreiben.

Reiches Material, numismatisch wie sprachwissenschaftlich gleichermassen sachkundig präsentiert, findet sich in den drei Beiträgen von Felix Burckhardt, die bescheiden als Ergänzungen zu numismatischen Wörterbüchern 1953 bis 1955 erschienen. Burckhardt konnte viele Korrekturen zu bekannten Erklärungen anbringen, fügte viele nicht erfasste Namen hinzu und stellte manchen bedenkenswerten Erklärungsvorschlag zur Diskussion. Seine Arbeit, Frucht langjähriger Sammeltätigkeit, ist der gewichtigste lexikographische Beitrag seit den grossen Wörterbüchern. Die Zusammenstellung von Münznamen des 16. bis 18. Jahrhundert – vor allem der Westschweiz – bei Colin Martin (1983) stellt demgegenüber eine zwar sehr nützliche, aber teilweise mangelhaft erläuterte Liste dar.

Das wichtigste Hilfsmittel ausserhalb der numismatischen Literatur bildet natürlich das Schweizerische Idiotikon. Seine Münznamenartikel, die viel zu wenig benutzt werden, vermitteln die unerlässliche Grundinformation und überreiche Quellenbelege. Verschiedene ältere Artikel entsprechen aber heutigen Anforderungen nicht mehr ganz.

 

 

Desiderate der Erfassung

Münznamen im Weg steht, ist zweifellos die gänzlich ungenügende Erfassung des Namenmaterials. Besonders fehlt es an einer gezielten Sammlung von Namenbelegen. Weder das Schweizerische Idiotikon – aus bereits erwähnten Gründen – noch die bisherigen Zusammenstellungen, meist im Zusammenhang mit münzgeschichtlichen Quellensammlungen und Darstellungen erfolgt, bieten je für sich genügend breit abgestütztes Material.

Eine solchermassen notwendige Belegsammlung hätte geographisch wie zeitlich relativ breit zu erfolgen. Geographisch breit, weil nur so die Veränderungen deutlich werden, die ein Name bei seiner Verlagerung an einen anderen Ort erfährt; zeitlich sollte die Materialerfassung längere Zeiträume berücksichtigen, um die sprachliche Wandlung (und z.B. allfällige Wiederbelebungen) von Münznamen fassen zu können. Besondere Sorgfalt müsste, wie bereits betont wurde, auf die Trennung von Primär- und Sekundärbelegen verwandt werden.

Die mögliche Quellenbasis einer solchen Materialsammlung wurde bereits skizziert. Sie wäre für die Neuzeit gezielt mit dem Einbezug ausgewählten Archivmaterials zu ergänzen, während das Spätmittelalter bereits mit einer systematischen Bearbeitung der gedruckten Quellen gut abgedeckt werden könnte.

Eine zu leistende Vorarbeit wäre auch die bibliographische Erfassung der Literatur zu schweizerischen Münznamen. Mit einem feineren Raster hätte eine Weiterbearbeitung auch kleinere Notizen und Hinweise - sofern sie neue Informationen enthalten - in die Zusammenstellung aufzunehmen.

 

Desiderate der Untersuchung

Als erstes ist das Fehlen einer Systematik der Münznamen (genauer: eine Systematik der Bennungsmotive) hervorzuheben. Die bis anhin aufgebrachten Vorschläge umfassen nicht alle Möglichkeiten; das von Schwarz vorgeschlagene Modell wäre aber eine gute und pragmatische Grundlage, auf der aufgebaut werden könnte.

Indes dürfen die Schwierigkeiten jeder konsequenten Systematik nicht übersehen werden. Wie Jesse und Schwarz nachdrücklich betont haben, entstehen Münznamen «im Volk» und unterliegen vollständig dem dauernden Wandel volkskultureller Phänomene. Auch darf eine systematische Ordnung nicht ihr Ziel – die Identifizierung und Deutung der Münznamen und ihre Einordnung in ein weiteres sprachhistorisches und volkskundliches Umfeld – aus den Augen verlieren; eine Systematik der Benennungs-Motive und Wort-Formen kann dabei nur Hilfskonstruktion sein.

Mehr Gewicht als bisher müsste auf die zeitliche Schichtung des Namenmaterials gelegt werden. Sammler- und Händlerbezeichnungen von Münzen, die vor allem im 19. Jahrhundert aufkommen und auch heute noch neu entstehen, sind durchaus interessante Untersuchungsobjekte, aber sie müssen klar getrennt werden von zeitgenössischen Münznamen. Auch wäre es wichtig zu wissen, ob lange umlaufenden Münzen in einer späteren Phase ihrer «Lebensdauer» mit anderen Namen versehen werden. Der umgekehrte Fall, die Namensübertragung auf andere Münzsorten, ist ja gut bekannt.

Schliesslich wäre es spannend, in den sprachlichen Grenzlandschaften der Schweiz die Frage der Übersetzung bzw. freien Übertragung von Münznamen genauer zu betrachten, besonders dann, wenn man auch den Aspekt der gegenseitigen Wahrnehmung von Sprach-, Kultur- und Volksgruppen und deren vorbestimmenden Einflüssen.

 

 

Literatur

Zu den älteren schweizerischen Münznamen

 

– Luschin von Ebengreuth, Arnold: Die Rollbatzen, Ein Beitrag zur numismatischen Etymologie. Numismatische Zeitschrift 12, 1880, S. 379-396.

– Geigy, Alfred: Rollbatzen. BSSN 6, 1887, S. 130-135.

– Geigy, Alfred: Aus schweizerischen Archiven, V: Kelch-batzen und -schilling. BSSN 8, 1889, S. 113-115.

– Geigy, Alfred: Rollbatzen. BSSN 8, 1889, S. 177-181 [mit Literaturliste zum Namen "Rollbatzen"].

– Vallentin, Roger: De la Moneta Blaffardorum. RSN 5, 1895, S. 9-24.

– Zeller-Werdmüller, Heinrich: Die Schnabelthaler. ASA 30, 1897, S. 74f.

– Liebenau, Th[eodor] von: Rollenbatzen. ASA N.F. 6, 1904/1905 (1905), S. 37.

– Stückelberg, Ernst Alfred: Der Münzsammler, Ein Handbuch für Kenner und Anfänger, Zürich 18991, 19192 [verbesserte und vermehrte Aufl.].

– Burckhardt, Felix: Münznamen und Münzsorten, Ergänzungen zu numismatischen Wörterbüchern. SM 4, 1953/54, No. 16, S. 77-81; 5, 1954/55, No. 17, S. 7-11; 5, 1954/55, No. 18, S. 32-36; 5, 1954/55, No. 19, S. 61-67.

– Schwarz, Dietrich W.H.: Münzgeschichte und Schweizerdeutsches Wörterbuch. Schweizerdeutsches Wörterbuch / Schweizerisches Idiotikon, Bericht über das Jahr 1961 (1962), S. 15-34 [Druck eines Vortrags von 1958].

– Geiger, Hans-Ulrich: Der Beginn der Gold- und Dickmünzenprägung in Bern, Ein Beitrag zur bernischen Münz- und Geldgeschichte des 15. Jahrhunderts. Diss. phil. Bern 1968, bes. S. 189-211 (Anhang).

– Morard, Nicolas: Florins, ducats et marc d'argent à Fribourg et à Genève au XVe siècle: cours des espèces et valeur de la monnaie de compte (1420‑1481). RSN 58, 1979, S. 223‑286.

– Martin, Colin: Les monnaies en circulation dans les Cantons (La politique monétaire de Berne, 2), Lausanne 1983 (Bibliothèque historique vaudoise, 75).

– Martin, Colin: Appellations vernaculaires de monnaies dans les Cantons 1400-1800. Numismatica e Antichità Classica (Quaderni Ticinesi) 12, 1983, S. 295-304.

– Schärli, Beatrice: Mailändisches Geld in der mittelalterlichen Schweiz, in: Giovanni Gorini (Hrsg.), La zecca di Milano, Atti del Convegno internazionale di Studio, Milano 9‑14 maggio 1983, Mailand 1984, S. 277‑310.

– Zäch, Benedikt: Bäggeli-Angster? Zu einem schweizerischen Münznamen. SM 40, 1990, No. 157, S. 17-20.

 

 

Handbücher, Nachschlagewerke, Quellen:

 

– Frey, Albert R.: Dictionary of Numismatic Names. With Glossary of Numismatic Terms by Mark M. Salton, New York 1947 [Teil I, Dictionary wurde bereits 1917 publiziert].

– Halke, Heinrich: Handwörterbuch der Münzkunde und ihrer Hilfswissenschaften, Berlin 1909.

– Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, hrsg. von Johannes Hoops, Bd. 3 (K-Ro), Strassburg 1915-1916.

– Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Frauenfeld 1881ff.

– Jesse, Wilhelm (Bearb.): Quellenbuch zur Münz- und Geldgeschichte des Mittelalters, Halle 1924 (Nachdruck Aalen 1968).

– Luschin von Ebengreuth, Arnold: Allgemeine Münzkunde und Geldgeschichte des Mittelalters und der neueren Zeit, München/Berlin, 2. stark verm. Aufl. 1926 (Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte, Abt. IV: Hilfswissenschaften und Altertümer).

– Quellen zur Zürcher Wirtschaftsgeschichte. Von den Anfängen bis 1500, bearb. von Werner Schnyder.
Bd. 1: Von den Anfängen bis 1460, Zürich/Leipzig 1937.
Bd. 2: 1461‑1500; Anhang, Register, Zürich/Leipzig 1937.

– Room, Adrian: Dictionary Of Coin Names, London/New York 1987.

– Schmieder, Carl Christoph: Handwörterbuch der gesammten Münzkunde, Halle und Berlin 1811 (+ ders., Nachtrag zu dem Handwörterbuch der gesammten Münzkunde, Halle und Berlin 1815).

– Sonderegger, Stefan: Die schweizerische Mundartforschung 1800-1959, Bibliographisches Handbuch mit Inhaltsangaben, Frauenfeld 1962.

– Wörterbuch der Münzkunde, hrsg. von Friedrich von Schrötter, Berlin 1930, Nachdruck 1970.

 

 

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