Der «Letzi-Münzfund» von Näfels (gefunden 1828)
Katalog und Bemerkungen
zum Ensemble
zu Handen der Redaktion
der «Landesgeschichte Glarus»
(Dr. Christoph H. Brunner)
März 2003
Luisa Bertolaccini und Benedikt Zäch
Zweck dieses Papiers ist die Bestimmung und münzgeschichtlich-historische Einschätzung des sog. «Letzi-Münzfunds» aus der Letzi von Näfels, der 1828 entdeckt wurde und sich heute in der Münzsammlung der Stiftsbibliothek St. Gallen, in Teilen vermutlich auch im Münzkabinett des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich befindet. Der Münzfund erscheint verschiedentlich in der einschlägigen Literatur, wurde aber bis heute nicht aufgearbeitet und vollständig publiziert. Hierzu werden hier Bausteine vorgelegt[1].
Nachweisbare Münzen, Auffindung
Im barocken Münzschrank (Nummophylacium) der Stiftsbibliothek St. Gallen liegt in Schublade 85, in zwei längliche Kartons eingepresst[2], ein Ensemble von römisch-kaiserzeitlichen Münzen des späteren 3. und vor allem des 4. Jh., die beide folgende Anschrift tragen: «24 römische 1828 in der Letzi bey Näfels ausgegrabene Münzen»[3]. In den beiden Kartons befinden sich jedoch 25 Münzen. Sie sind auf dem ersten Karton mit den Nummern «9» bis «20», auf dem zweiten Karton mit «23» bis «35» bezeichnet; die Nummern «21» und «22» sind ausgelassen. Zwei Fundmünzen mit den Nummern «21» und «22» von Fundorten aus dem Kanton St. Gallen befinden sich im selben Tablar auf zwei anderen Kartons[4].
Es lässt sich nicht eruieren, weshalb der Kartoninhalt mit den Näfelser Münzen und die Anschrift nicht deckungsgleich sind; weder die detaillierten Anschriften bei den Münzen (Legenden-Wiedergaben) noch die Nummern auf den Kartons enthalten irgenwelche Hinweise dazu, welche Münze allenfalls nicht zum Ensemble gehören könnte. Zwei Münzen, die vom Nominal her (Maxentius, No. 25; Anhang 1, Kat. 15) bzw. auf Grund ihrer Zeitstellung (Probus, No. 28; Anhang 1, Kat. 18), aus der Reihe fallen und daher als «Fremdlinge» in Frage kommen könnten, befinden sich weder am Anfang noch am Schluss der Nummernreihe und sind in ihrer Anordnung auf den Kartons auch nicht besonders hervorgehoben[5]. Eine Ausscheidung der beiden Stücke allein deswegen, weil sie nicht gut in die Reihe «passen», wäre vollkommen willkürlich. – Ohne weitere Indizien müssen vorderhand alle 25 Münzen als zum Fundensemble gehörig betrachtet werden mit dem Vorhalt, dass möglicherweise eine – nicht identifizierbare – Münze auszuscheiden ist.
Neben der Anschrift auf dem Karton, der dem Ensemble in der Schublade vorangeht, existieren keine weiteren Unterlagen in der Stiftsbibliothek. Die Angaben zur Provenienz im 1863 angelegten Inventar der Münzsammlung Paul Peter Immler[6] beziehen sich offensichtlich ebenfalls auf die Kartonanschrift des Münztablars.
Zur Auffindung ist nichts Genaueres überliefert; es ist weder ein Name eines Finders bekannt noch wissen wir etwas über die Art und Weise, wie die Münzen nach St. Gallen kamen. Es ist aber wahrscheinlich, dass sie, wie andere Münzfunde des 18. und frühen 19. Jh. auch[7], vor allem deshalb in die Sammlung der Stiftsbibliothek St. Gallen Eingang fanden, weil man um das antiquarische Interesse des damaligen Stiftsbibliothekars Ildefons von Arx wusste[8]. 1828 gab es in der Ostschweiz zudem noch kein einziges historisches Museum und auch die Antiquarische Gesellschaft in Zürich (AGZ), die später zu einer Art «archäologischer Zentralsammlung» der deutschen und italienischen Schweiz werden sollte, wurde erst vier Jahre später, 1832, gegründet.
Im Münzkabinett des Schweizerischen Landesmuseums (SLM) in Zürich befinden sich 12 weitere Münzen, die die Fundortangabe «Näfels» aufweisen (Anhang 2)[9]; sie gehören zum Altbestand der Antiquarischen Gesellschaft und wurden 1847 von Herrn Heer in Glarus eingesandt[10]. Auf Grund ihrer Zusammensetzung fügen sie sich gut zum Ensemble der Stiftsbibliothek St. Gallen (Tab. 1), zumindest für die Zeit Constantin I. (danach bricht die Reihe der Zürcher Stücke ab); es wäre daher wohl möglich, dass sie vom selben Fundort stammen könnten, obschon sie keine solche Fundangabe haben[11]. Weitere Mitteilungen zu Münzfunden des 4. Jh. (und evtl. des 5. Jh.?) aus Näfels, die 1837 in den Protokollen der AGZ festgehalten wurden, lassen sich heute nicht mehr verifizieren[12].
Tab.
1: Chronologische Übersicht über die Ensembles von St. Gallen und Zürich
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Stiftsbibliothek St. Gallen 25 Ex.[13] |
Münzkabinett SLM Zürich 12 Ex. |
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2. Hälfte 3. Jh. (276–282) |
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Constantinische Zeit I (306–330) |
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– Periode 306–313 |
••• |
••• |
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– Periode 313–317 |
•• |
•• |
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– Periode 317–330 |
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•• |
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Constantinische Zeit II (330–353) |
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– Periode 330–337 |
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••• |
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– Periode 337–341 |
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– |
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– Periode 330–341 |
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– |
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– Periode 341–348 |
•• |
– |
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– Periode 351–353 |
• |
– |
Insgesamt lassen sich also sicher 24 (bzw. 25), möglicherweise aber 36 (bzw. 37) Münzen einem Fundort «in der Letzi» bei Näfels, wahrscheinlich genauer in deren Teil am Niederberg[14], zuweisen, wobei nur 24 (25) Münzen mit Sicherheit diese Fundangabe haben und im übrigen keine näheren Angaben zur genauen Fundlage noch zu den Fundumständen existieren.
Die Letzi von Näfels: Römisches oder mittelalterliches Bauwerk?
Die Fundstelle, die Letzi von Näfels, gehört zu den bedeutenden archäologischen Denkmälern des Landes Glarus. Aufgrund des Münzfundes von 1828 wurden immer wieder Vermutungen angestellt, dass die Letzi nicht mittelalterlicher, sondern römischer Zeitstellung sein müsse[15]. Besonders Ferdinand Keller billigte dem Mauerwerk «entschieden römischen Charakter» zu und datierte es in das mittlere 4. Jh.[16]. Jakob Heierli zeigte sich nach einer Untersuchung des Befestigungswerks 1895/96 im Auftrag des Historischen Vereins auf Grund des archäologischen Befundes durchaus skeptisch und kam zum Schluss, dass die Letzi «römisch sein kann», aber «nicht absolut römisch sein muss»[17]; wegen des Münzfundes aus der Letzi äusserte er aber doch die Überzeugung, das Bauwerk sei am ehesten im 4. Jh. errichtet worden[18].
Die jüngsten Untersuchungen an der Letzi von Hugo Schneider mit Hilfe von drei Sondierschnitten ergaben dagegen keinerlei Hinweise auf eine römische Bauzeit der Befestigung. Allerdings wurden auch keine mittelalterlichen Kleinfunde entdeckt, die in archäologischem Zusammenhang mit der Letzi stehen. Schneider postulierte, ausgehend von der Mauertechnik, aber auch aus historischen Überlegungen, eine Erbauung der Letzi von Näfels um 1352 und damit im Zusammenhang mit der Ablösung des Tals Glarus von der österreichischen Herrschaft[19].
Sichere Hinweise auf die Bauzeit der Näfelser Letzi fehlen also nach wie vor. Klärung könnten allenfalls dendrochronologische Analysen an den Fundamenthölzern der Letzi schaffen, die sowohl von Heierli (als Holzrost interpretiert)[20] als auch von Schneider[21] festgestellt wurden. Am wahrscheinlichsten ist eine mittelalterliche Zeitstellung (11.–14. Jh.)[22], wobei damit zu rechnen ist, dass die Letzi über längere Zeit hin unterhalten wurde. Weitgehend auszuschliessen ist eine Erbauung in römischer Zeit; dagegen spricht nicht allein die Bautechnik, sondern auch die Anlage der Letzi als Verteidigungswerk gegen Norden hin, die in römischer Zeit keinen Sinn ergibt[23].
Bemerkungen zum Münz-Ensemble
Zusammensetzung
Die heute noch mit Sicherheit dem «Letzi-Fund» zuweisbaren 24 (bzw. 25) Münzen umspannen einen Zeitraum von gegen 80 Jahren. Die Münzreihe setzt ein mit einem Antoninian des Probus (Anhang 1, Kat. 18) aus der Münzstätte Lugdunum (Lyon). Die jüngste sicher bestimmbare Münzen ist eine kleine Bronzemünze («Aes 3») von Constantius II. aus der Zeit von 351–353 (Kat. 25). Eine Münze, ebenfalls ein Aes 3-Stück, lässt sich keinem Münzherrn mehr mit Sicherheit zuweisen (Kat. 24).
Der chronologische Schwerpunkt liegt einerseits in der Regierungszeit Constantin I. und seines Mitkaisers Licinius I. (11 sicher zuweisbare Münzen), andererseits in der Zeit der Constantinssöhne mit Prägedaten zwischen 337 und 353 (ebenfalls 10 Münzen). Je eine Prägung des Maxentius (Aes 1, 307; Kat. 15) und des Licinius I. (Aes 3, 310–313; Kat. 8) bilden gewissermassen ein zeitliches Bindeglied zwischen der ältesten Münze des Probus und den constantinischen Münzen. Mit Ausnahme des Licinius I. fehlen Prägungen der Tetrarchie[24]. Das Ensemble besteht aus Bronze- bzw. Silbermünzen (Probus, Antoninian [= Doppeldenar bzw. 1 ½ Denar]; Kat. 18) mit sehr geringen Silberanteilen (Billon). Es sind vor allem kleine Nominale vertreten (Aes 3 und Aes 4: 22 Ex.), daneben sind aber zwei grössere Bronzemünzen von Constantin I. (Aes 2, 307–313; Kat. 6) und Maxentius (Aes 1, 307; Kat. 15) vorhanden.
Die 12 im SLM befindlichen Münzen stammen nahezu ausschliesslich aus der Regierungszeit Constantin I. (10 Münzen); dazu kommen zwei Antoniniane des Probus. Prägungen der Constantinssöhne fehlen ganz. Für die Zeit bis um 330 lassen sich diese Münzen gut mit dem Ensemble der St. Galler Stiftsbibliothek vergleichen. Die 10 Bronzemünzen des 4. Jh. sind ausschliesslich kleine Nominale (Aes 3 und Aes 4).
Münzstätten, Typologie,numismatische Besonderheiten, Zirkulationsspuren
Die im St. Galler Ensemble enthaltenen Münzen vertreten – mit einer Ausnahme[25] – häufig in Siedlungsfunden der östlichen und nördlichen Schweizvorkommene Münztypen. Die Verteilung der vertretenen Münzstätten (Tab. 2) – sie sind für 19 Münzen einigermassen sicher bestimmbar – zeigt ein Übergewicht westlicher Prägeorte, von denen Trier (Treveri) überwiegt. Auch wenn mit der kleinen Zahl an Münzen nicht allzu stark argumentiert werden darf, so scheint es doch, dass diese Verteilung der Münzstätten auf Einflüsse von Westen weist und etwa mit Vindonissa und Augst/Kaiseraugst vergleichbar ist[26].
Tab.
2: Vertretene Münzstätten
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Treveri |
Lugdunum |
Arelate |
Aquileia |
Roma |
Siscia |
unsicher / unbestimmbar |
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8 |
3 |
1 |
2 |
3 |
2 |
6 |
Dass andererseits auch südliche und östliche Münzstätten gut vertreten sind, entspricht wiederum dem Bild der Siedlungsfunde (Einzelfunde in Siedlungen) im südlichen Alpenrheintal und Graubünden, deren Münzumlauf ab etwa 306 wesentlich auch von Süden und Osten her versorgt wird[27]. Im Ganzen dürfte die Münzstättenverteilung eine Grenzsituation und besondere Verkehrslage (Walenseeroute) spiegeln, in der Einflüsse aus verschiedenen Richtungen wirkten[28].
Was die Typenvielfalt betrifft, so sind die Gewichtungen weniger deutlich. Für die Zeit des Constantin I. spiegelt sich das breite Spektrum der Rückseitendarstellungen und –losungen, das von Iovi bzw. Marti conservatori über Soli invicto comiti über Securitas Rei publicae zu Caesarum nostrorum reicht. Die verschiedenen Typengruppen der constantinischen Bronzeprägung zwischen 330 und 351 sind aber fast gleichmässig vertreten (Tab. 2). Lediglich der Typ Gloria exercitus mit 1 Standarte ist etwas häufiger. Die unterschiedlichen Typengruppen dokumentieren in erster Linie die zahlreichen Veränderungen im Münzfuss, meist Abwertungen, zwischen 330 und 353[29]. Beides ist ein erster Hinweis darauf, dass es sich weder chronologisch noch typologisch um ein geschlossenes Ensemble handelt.
Tab.
3: Vertretene Typengruppen (330–353)
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330–337: – Constantinopolis – Urbs
Roma – Gloria
exercitus (2 Standarten) |
1 1 2 |
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337–341: – Gloria
exercitus (1 Standarte) – Securitas
Rei publicae |
5 1 |
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341–348: – Victoriae
DD |
2 (3?) |
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350–353: – Fel Temp
Reparatio, Reitersturz |
1 |
Eine ganze Reihe von Münzen im St. Galler Ensemble ist ausgebrochen (Kat. 1, 2, 13, 14, 17, 19, 20, 23, 24), einige Stücke zeigen Prägefehler (Kat. 13, 15, 16) oder Unregelmässigkeiten im Schrötling (Kat. 1, 2, 3, 14). Dies sind Anzeichen der Massenproduktion dieser Münzen, könnten aber auch Auswirkungen der Bodenlagerung sein; Bronzemünzen des 4. Jh. in Funden sind häufig ausgebrochen.
Tab.
4: Abnutzungsgrade[30]
und chronologische Gruppen
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Perioden |
Abnutzung (Anzahl Ex.) |
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A 4 (stark abgenutzt) |
A 3[31] (abgenutzt) |
A 2 (leicht abgenutzt) |
A 1 (kaum ab-genutzt) |
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305–317 |
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3 |
2 |
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317–330 |
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1 |
1 |
3 |
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330–337 |
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2 |
1 |
1 |
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337-341 |
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1 |
1 |
4 |
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341–348 |
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2 |
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350–353 |
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1 |
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Die Münzen in der Stiftsbibliothek haben auch ganz unterschiedliche Abnutzungsgrade, wobei die älteren nicht stärker abgenutzt sind als die jüngeren (Tab. 3). Unter den älteren Münzen sind sogar eher mehr gut erhaltene Stücke zu finden als unter den jüngeren. Die jüngste Münze ist zugleich eine der deutlich abgenutzten Prägungen. Auch wenn diese Beobachtung nicht unkritisch für chronologische Überlegungen herangezogen werden darf – die Abnutzung einer Münze, die kurze Zeit, aber intensiv zirkulierte, kann gleich gross sein wie die einer Münze, die längere Zeit, aber ohne zahlreiche Handwechsel zirkulierte –, so deutet die Verteilung der Abnutzungsgrade darauf hin, dass die Deponierung – oder der Verlust – der Münzen nicht gemeinsam stattfand, sondern sich über einen längeren Zeitraum hinzog. Mit anderen Worten: Das Bild der Abnutzung spricht für eine Reihe von Einzelverlusten unterschiedlich abgenutzter (d.h. verschieden lang bzw. intensiv zirkulierten) Münzen.
Zur Interpretation des Münz-Ensembles: Börse, Hort oder Siedlungsfunde?
Aus den verschiedenen Beobachtungen zum Fundort, der Zusammensetzung des Münz-Ensembles und den Münzen selbst lässt sich eine Reihe von Hinweisen zur Interpretation des Fundes gewinnen. Auch mit den festgestellten Unsicherheiten (keine genauen Angaben zu den Fundumständen, Unklarheiten bezüglich der genauen Anzahl der dem Fund zuweisbaren Münzen in St. Gallen, Unsicherheit, ob das Zürcher Ensemble zum Fund gehört) können folgende Punkte festgehalten werden:
– Es handelt sich sehr wahrscheinlich nicht um ein geschlossenes Ensemble, das in einem gegebenen Moment (nach der jüngsten Münze wäre dies nach 353) dem Münzumlauf entnommen wurde. Die zeitliche Streuung ist dafür zu gross, die Abnutzungsgrade zu unterschiedlich und die Auswahl der Typen zu breit und zu regelmässig auf die Zeitspanne verteilt. Damit ist die Interpretation als Börse auszuschliessen.
– Auch eine Thesaurierung (Hortung) des Ensembles in einem oder mehreren Schritten ist unwahrscheinlich. Eine solche Hortung hätte sich, da eine Reihe von Bronzemünzen zwischen etwa 305 und 350 vertreten sind, über einen Zeitraum von zwanzig bis dreissig Jahren erstreckt. Dies ist in der münzgeschichtlichen Situation dieser Zeit mit jeweils ziemlich raschen Wechseln der Zusammensetzung des Münzumlaufs unwahrscheinlich. Eine Interpretation des Münzensembles als Hortfund scheidet daher ebenfalls aus.
– Die Angaben zum Fundort – in der «Letzi», d.h. wohl im Innern des Befestigungswerks selbst – lassen sich nicht grundsätzlich in Zweifel ziehen; da aber jede genauere Angabe fehlt, ist völlig offen, wo und wie in der Letzi die Münzen gefunden wurden. Nicht zu eruieren ist namentlich, wann die Münzen in das Bauwerk kamen; die vagen Angaben taugen jedenfalls nicht für eine römische Datierung des Bauwerks selbst[32].
– Das Münz-Ensemble zeigt deutliche Übereinstimmungen mit Münzreihen aus Siedlungen, die das ganze 4. Jh. über belegt waren und besonders solchen aus dem Alpenrheintal wie Bregenz und Chur im Osten, aber auch etwa Vindonissa im Westen[33]. In diesen Reihen lassen sich sowohl grössere Anteile an Münzen Constantin I. feststellen als auch grössere – meist dominierende – Anteile an Münzen der Zeit nach 330[34]. Das Vorhandensein von Antoninianen des Probus ist in diesem Kontext nicht ungewöhnlich: Diese Münzen waren auch im 4. Jh. durchaus noch im Münzumlauf zu finden, wenn sie auch in Siedlungsfunden nicht allzu häufig sind. In dieselbe Richtung weist die Verteilung der Münzstätten, die Siedlungsfunden des südlichen Alpenrheintals entspricht, aber mit der starken Vertretung von Trierer Münzen auch nach Westen weist.
Beim Näfelser Münzfund dürfte es sich daher kaum um einen «Münzschatz» (d.h. einen Sparhort oder eine Börse) im eigentlichen Sinne, sondern eher um den numismatischen Niederschlag einer Siedlungsaktivität handeln, d.h. um eine Ansammlung von Einzelverlusten von Münzen, die in Zusammenhang mit einer Siedlung stehen. Die grössere Anzahl von Münzen – 24/25 bzw. 36 Stück – liesse sich vielleicht damit erklären, dass die Münzen nicht alle zur selben Zeit oder aber in einer fundreichen Schicht entdeckt wurden. Da genauere Hinweise fehlen, lässt sich darüber jedoch nur spekulieren.
Münzfunde und Siedlungsspuren des 3./4. Jh. aus der Gegend von Näfels
Ein Blick auf weitere Münzfunde und Siedlungsspuren der Näfelser Gegend unterstützt diese Interpretation durchaus, zeigen sie doch, dass das nördliche Glarner Unterland in römischer Zeit nicht nur begangen, sondern vermutlich im 3. und 4. Jh. auch besiedelt war, wenn auch klarere Aussagen vorderhand nicht möglich sind.
In Mollis-Bodenwald wurde im Oktober 1765 beim Sprengen eines Felskopfs ein Münzschatz von 230 Münzen entdeckt, der offenbar im späten 3. Jh. verborgen wurde, soweit den spärlichen Angaben zu entnehmen ist[35]. Aus derselben Gegend stammt ein weiterer, 1835 entdeckter Münzschatzfund(?), von dem nur überliefert ist, dass er angeblich Münzen aus der Zeit des Constantinus I. (306–337) enthalten haben soll[36]. Weitere Einzelfunde von römischen Münzen des 1. bis 4. Jh. sind u.a. aus Mollis, Näfels, Niederurnen und Obstalden bekannt[37].
In Mollis-Hüttenböschen wurde archäologisch ein Gebäude nachgewiesen, bei dem es sich vermutlich um einen gallorömischen Vierecktempel handelt. In Weesen schliesslich weisen verschiedene Funde, darunter ein Brandgrab, auf eine römische Siedlung hin, die wohl in Zusammenhang mit dem Transitverkehr entlang der Walenseeroute stand[38].
Jedenfalls befand sich das Glarner Unterland wohl im 3. und 4. Jh. wohl nicht abseits der römischen Besiedlung und war also nicht nur Durchgangsgebiet. In diesem Kontext lässt sich auch in Näfels eine allfällige römische Siedlungsstelle – welcher Art auch immer – durchaus vorstellen. Erst archäologische Untersuchungen könnten hierüber aber allenfalls nähere Auskunft geben.
Zitierte Literatur:
Frey-Kupper 2002 – Suzanne Frey-Kupper, Trouvailles monétaires du Bas-Empire en Suisse: État de la recherche, in: Renata Windler und Michel Fuchs (Hrsg.), De l’Antiquité tardive au Haut Moyen-Âge (300–800). Kontinuität und Neubeginn, Basel 2002 (Antiqua 35), S. 101–114.
Heer / Blumer-Heer 1846 – Oswald Heer / J.J. Blumer-Heer, Der Kanton Glarus, historisch geographisch-statistisch geschildert von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Ein Hand- und Hausbuch für Jedermann, St. Gallen u. Bern 1846.
Heierli 1893 – Archäologische Funde im Kanton Glarus, Jb. des Historischen Vereins des Kantons Glarus 28, 1893, S. 3–14.
Heierli 1896 – Jakob Heierli, Die Näfelser Letzi, Jb. des Historischen Vereins des Kantons Glarus 32, 1896, S. 1–15.
Keller 1860 – Ferdinand Keller, Die römischen Ansiedelungen in der Ostschweiz, Zürich 1860 (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. XII).
Overbeck 1973 – Bernhard Overbeck, Geschichte des Alpenrheintals in römischer Zeit auf Grund der archäologischen Zeugnisse, Teil II: Die Fundmünzen der römischen Zeit im Alpenrheintal und Umgebung, München 1973 (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Bd. 21).
Overbeck 1982 – Bernhard Overbeck, Geschichte des Alpenrheintals in römischer Zeit auf Grund der archäologischen Zeugnisse, Teil I: Topographie, Fundvorlage und historische Auswertung (unter Mitarbeit von Ludwig Pauli), München 1982 (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Bd. 20).
Peter 2001 – Markus Peter, Untersuchungen zu den Fundmünzen aus Augst und Kaiseraugst, Berlin 2001 (Studien zu Fundmünzen der Antike (SFMA), Bd. 17).
Schindler 1988 – Martin Peter Schindler, De Glaronia antiquissima oder Gründliche Beschreibung der geographischen, klimatischen, namenkundlichen und historischen Bedingungen für eine frühe Besiedlung – der prä- und protohistorischen Alterthumen des löbl. Landes Glarus – der Ergebnisse von Untersuchungen an ausgewählten Stellen, Seminararbeit an der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte des Historischen Seminars der Universität Zürich, Zürich 1988.
Schindler 1993 – Martin Peter Schindler, Archäologische Funde im Kanton Glarus, Minaria Helvetica 13a, 1993, S. 14–33.
Schneider 1974 – Hugo Schneider, Die Letzimauer von Näfels, Jb. des Historischen Vereins des Kantons Glarus 65, 1964, S. 243–255.
Wigg 1991 – David G. Wigg, Münzumlauf in Nordgallien um die Mitte des 4. Jahrhunderts n.Chr., Berlin 1991 (Studien zu Fundmünzen der Antike – SFMA, Bd. 8).
Zäch 2001 – Benedikt Zäch, Kanton St. Gallen I: Mittelalterliche und neuzeitliche Münzfunde, Bern 2001 (Inventar der Fundmünzen der Schweiz – IFS, 6).
[1] Zahlreiche
Unterlagen und Auskünfte sind Dr. Martin P. Schindler, St. Gallen geschuldet,
dem dafür herzlich gedankt sei. Susanne Frey-Kupper (Prahins/Bern) und Markus
Peter (Basel/Augst) liessen uns eine Reihe von Hinweisen und
Verbesserungsvorschlägen zukommen. Der Stiftsbibliothek St. Gallen sei für die
Möglichkeit gedankt, die Münzen in ihrem Besitz kurzzeitig auszuleihen und im
Münzkabinett der Stadt Winterthur zu dokumentieren.
[2] Vgl. Film B,
Aufnahmen 4–5 und 6–7 (jeweils beide Seiten); die Kartons auf den Aufnahmen 8–9
mit den Münzen No. 1–8 gehören nicht zu
diesem Ensemble!
[3] Film B,
Aufnahme 4 und 6.
[4] No. 21:
As/Dupondius des Claudius für Germanicus, gefunden 1777 in Sonnental bei
Oberbüren SG (SFI 3424-03); No. 22: Sesterz (235/236) des Maximinus Thrax ,
gefunden vor 1863 oberhalb Berneck auf der Strasse nach Oberegg (SFI 3233-02);
Dokumentation: Kantonsarchäologie St. Gallen, Archäologisches Inventar.
[5] Vgl. Film B,
Aufnahmen 4–7: die Anordnung der Löcher für die Münzen erlaubt weder eine
feinere Gruppierung der Münzen noch die Ausscheidung eines einzelnen Stücks.
[6] P.P. Immler,
Verzeichniss der Münz- und Medaillen-Sammlung in der Stiftsbibliothek in St.
Gallen (1863), S. 213–215; Ms. Stiftsbibliothek St. Gallen, ohne Signatur. –
Zur Person von Immler vgl. Benedikt Zäch und Regula Steinhauser-Zimmermann, Zur
Geschichte der Archäologie und der Museen im Kanton St. Gallen, in: Zäch 2001,
S. 17–22, hier S. 17.
[7] Vgl. etwa die
Münzfunde von St. Gallen-Rosenberg, Hätterenwald, gefunden 1730 (Zäch 2001, S.
48f. Nr. 2) oder Kaltbrunn-Oberkirch, ehem. Pfarrkirche St. Georg, gefunden
1819 (Zäch 2001, S. 201f. Nr. 97).
[8] Er leitete
von 1824/27 bis zu seinem Tod 1833 die Stiftsbibliothek; Werner Vogler,
Einleitung, in: Geschichten des Kantons St. Gallen durch Ildefons von Arx,
Nachdruck der Ausgabe von 1810–13/1830, St. Gallen 1987, S. X–XI.
[9] Overbeck 1973,
S. 146f. Neubestimmung durch Hansjörg Brem (1988); darauf basiert die Münzliste
in Anhang 2.
[10] Vorgewiesen in
der Sitzung vom 7. Januar 1843; AGZ, Protokollband I (1847), S. 157 (zit. nach
Heierli 1896, S. 13).
[11] Nach Heierli
1893, S. 11 und Heierli 1896, S. 13 sollen diese Münzen ebenfalls 1828 in der
Letzi bei Näfels gefunden worden sein; für diese auf die ältere Literatur
zurückgehende Zuschreibung gibt es keinen Beleg.
[12] Mitteilung von
Ratsherr Hauser von Näfels an der Sitzung der AGZ vom 30. April 1837, wonach
dort zu verschiedenen Zeiten Münzen gefunden worden seien, darunter eine
Prägung Constantins I. (mit der Abbildung einer Wölfin [= Urbs Roma-Typ]) und eine Prägung von Genserich(?, wohl Geiserich);
AGZ, Protokollband I (1837), S. 55 (zit. nach Heierli 1896, S. 13 und Schindler
1988, S. 69).
[13] Ein Ex.
(Anhang 1, Kat. 24) zeitlich nicht genau zuweisbar.
[14] Diese Angabe
machen Heer / Blumer-Heer 1846, S. 266; sie beziehen sich dabei vermutlich nur
auf die heute in St. Gallen befindlichen Münzen.
[15] Vermutlich zuerst formuliert
bei Heer / Blumer-Heer 1846, S. 265f., die sich auf Ferdinand Keller, den
damaligen Präsidenten der AGZ und Kenner der römischen Altertümer der
Ostschweiz, beziehen.
[16] Keller 1860, S. 332–334.
[17] Heierli 1896,
S. 13.
[18] Heierli 1896,
S. 13f.
[19] Schneider 1974,
S. 249–251.
[20] Heierli 1896,
S. 8–10.
[21] Schneider 1974,
S. 249.
[22] Dendrochronologische Analysen an
Palisadenbefestigungen im Vierwaldstättersee ergaben in jüngster Zeit überraschend
frühe Datierungen (11./12. Jh.); vgl. etwa Jakob Obrecht, Neue Erkenntnisse zu
den «Seebefestigungen» vor Stansstad NW (Vortrag an der Jahresversammlung der
Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit –
SAM, Schaffhausen, 26. Oktober 2002).
[23] Eine
Interpretation als Bollwerk der «rätoromanischen» Bevölkerung gegen plündernde
«Alemannen» (vgl. etwa Heer / Blumer-Heer 1846, S. 265 und Keller 1860, S. 334)
gehört in das Gebiet der alpinen Geschichtsmythen des 19. Jh.
[24] Maxentius
(306–312) usurpierte den Kaisertitel und hielt sich, nur zeitweise anerkannt,
in Italien.
[25] Die Aes
3-Prägung des Licinius I. für Licinius II. Caesar (Arelate?, geprägt 321; Kat.
22) ist ein seltener Typ, der im Standard-Zitierwerk RIC (Roman Imperial
Coinage) nur in einer Anmerkung nachgewiesen ist.
[26] Peter 2001,
S. 182–187 mit Tab. 41–44.
[27] Overbeck
1982, S. 242, Tab. 13 und 14 (Einzelfunde Chur, Einzelfunde Graubünden ohne
Chur).
[28] Peter 2001,
S. 185; zwischen dem Walensee und dem unteren Zürichsee verlief im 4. Jh. die
Grenze zwischen den Provinzen Maxima
Sequanorum und Raetia Prima, was
die Anbindung an verschiedene Münzstätten erklären könnte.
[29] Vgl. dazu Wigg
1991, S. 225f. und Frey-Kupper 2002, S. 102–104.
[30] Zur Definition
der Erhaltung (A = Abnutzung, K = Korrosion) vgl. Bulletin IFS / ITMS / IRMS 2, 1995
Supplément: Abnutzung und Korrosion: Bestimmungstafeln zur Bearbeitung von Fundmünzen,
Lausanne 1995.
[31] Darunter sind
auch Stücke, die auf Vs. und Rs. unterschiedlich abgenutzt sind (A 2/3 bzw. A
3/2).
[32] Auch bei einer
spätmittelalterlichen Datierung der Letzi und unter der Annahme, dass die
Münzen wirklich im Bauwerk selbst
gefunden wurden, wäre es durchaus denkbar, dass unter den grossen Erdmassen,
die dafür bewegt werden mussten, auch unerkannt fundführende (d.h. münzreiche)
römische Siedlungsschichten Verwendung fanden.
[33] Wigg 1991, S.
258f. Nr. 54, 55 und 58 sowie S. 434–437 Nr. 54–55und 442f. Nr. 58. – Die
Münzreihen von ausgesprochenen Höhensiedlungen des 4. Jh. wie Schaan-Krüppel FL
setzen – mit sehr wenigen Vorläufern – erst um 330 ein; vgl. Wigg 1991, S.
438f. Nr. 56.
[34] Vgl. die Analysen von regionalen Münzreihen der 1. Hälfte des
4. Jh. bei Frey-Kupper 2002, S. 108–110 mit Fig. B und E (Alpenrheintal im
Vergleich mit anderen Regionen).
[35] Es werden
Prägungen von Tiberius (14–37) bis Aurelianus (270–275) erwähnt, nachweisbar
sind heute noch je eine Münze des Traianus (98–117) bzw. des Gallienus
(260–268); Schindler 1993, S. 18 Nr. 6.
[36] Schindler 1993,
S. 18 Nr. 7.
[37] Schindler 1993,
S. 18f.; vgl. auch Schindler 1988, S. 67–69 (mit detaillierteren Angaben zu den
Funden) sowie S. 93ff.
[38] Schindler 1993,
S. 25.