Oberitalienische Münzen in der Ostschweiz:
eine mittelalterliche Kleingeldwanderung

 

Vortrag anlässlich der Jahresversammlung
der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters
und der Neuzeit (SAM)
St. Gallen, 26. Oktober 2001

 

Benedikt Zäch

 

1989 bewilligte der St. Galler Grosse Rat ein Gesuch an den kantonalen Lotteriefond für ein «Inventar der Münzfunde des Mittelalters und der Neuzeit des Kantons St. Gallen». Das Projekt unter Federführung der Kantonsarchäologie des Historischen Museums in St. Gallen hatte zum Ziel, zum ersten Mal einen Überblick über alle Funde mit Münzen ab dem 6. Jahrhundert auf Kantonsgebiet zu verschaffen und dieses Material unter Verarbeitung der zugehörigen Quellen in Katalogform aufzuarbeiten.

Das Resultat, ein kommentierter Katalog, erscheint Ende November als Band 6 der Reihe «Inventar der Fundmünzen der Schweiz». Er versammelt insgesamt 156 Ensembles mit ursprünglich über 2100 Münzen, von denen heute noch rund 900 Stück im Original nachweisbar sind oder sich soweit identifizieren lassen, dass sie in einen Materialkatalog integriert werden können. Dazu gehören auch über 250 numismatische Objekte aus 35 Siedlungsgrabungen der letzten 50 Jahre, die zumeist, aber nicht ausschliesslich in Kirchenbauten stattfanden.

Nun gehört es ja heute zum Allgemeingut, dass Münzfunde aus archäologischen Grabungen durchaus mehr als Datierungshilfen für archäologische Befunde sein können. Zusammen mit anderen Objektgruppen gehören Münzen zu jenen archäologischen Funden, die aussagekräftiges Quellenmaterial für wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Untersuchungen bereitstellen.

Ich möchte Ihnen im folgenden ein Beispiel aus dem Bereich der Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte geben, das sich aus der Arbeit mit den St. Galler Münzfunden entwickelt hat. Wenn dabei über den Kanton St. Gallen hinaus gegriffen wird, so liegt dies nicht nur daran, dass das einschlägige St. Galler Material bisher nicht zahlreich ist. Es zeigt auch, dass solche Ansätze erst in einem regionalen Umfeld, das über gegenwärtige politische Grenzen hinausgeht, fruchtbar werden.

 

In Siedlungsgrabungen der Ostschweiz und ihrer Nachbargebiete finden sich immer wieder, meist als Einzelstücke, Denare oberitalienischer Münzorte, die zwischen der Mitte des 12. und dem Beginn des 14. Jhs. geprägt wurden. Am häufigsten sind die Mailänder Prägungen, gefolgt von kleineren lombardischen Münzorten wie Brescia, Cremona oder Bergamo. Aber auch Mantua, Verona, Pavia, Parma und Piacenza sind vertreten.

Die Verbreitungskarte dieser Münzen liefert ein recht deutliches Bild. Die allermeisten Fundorte liegen auf den Routen der Bündner Pässe und deren nördlichen Ausgängen, vornehmlich an der Lukmanier-, Splügen- und Julier/Maloja-Strecke. Andererseits fädeln sich die Herkunftsorte dieser Münzen an den südlichen Ausläufern der Bündner Pässe auf und verteilen sich über die Lombardei bis in die Romagna.

Offensichtlich kamen diese Münzen im Zuge des Bündner Alpentransits in die Ostschweiz. Ausserhalb dieses Gebiets sind nur wenige Fundpunkte zu verzeichnen. Zu nennen ist vor allem ein Schatzfund von Niederried am Nordufer des Brienzer Sees. Von einem Fund in Uster-Nänikon im Zürcher Oberland wird noch zu sprechen sein. Einige wenige Funde in Baden-Württemberg aus Esslingen, Ulm, Konstanz und – angeblich – dem Hohentwiel, alle mit denari piccoli aus Verona, zeigen an, dass diese Münzen bis zu Städten mit Fernhandelsbeziehungen gelangen konnten.

Die Münzen, meist denari, waren zweiseitig und mit einer Beschriftung versehen, die Münzherrschaft und Münzherr nennt. Die oberitalienischen Prägungen sind flach geprägt, teils aber auch mit aufgewölbten Rändern, eine Machart, die als scodellatoförmig bezeichnet wird.

Im Gegensatz dazu waren die einheimischen Pfennige dieser Zeit, nämlich die Bodenseepfennige, die in Konstanz als Hauptmünzort und zahlreichen anderen Orten in derselben Art hergestellt wurden, einseitig und mit sehr dünnen Schrötlingen von ganz anderer Machart, die als brakteatenförmig bezeichnet wird. Ausserdem waren sie nur über das – nicht immer eindeutige – Münzbild einer bestimmten Münzherrschaft zuweisbar; eine Beschriftung fehlt in der Regel. – Die fremden Münzen waren also von den einheimischen deutlich unterschieden.

Wann strömten die oberitalienischen denari in die Ostschweiz ein? Die Beantwortung dieser Frage wird erschwert durch die Tatsache, dass die meisten Münzen bislang zeitlich nur grob einzuordnen sind. Dieser Denar oder Mezzano von Piacenza etwa – er stammt aus der Pfarrkirche in Mels – wird bis heute in den Zeitraum zwischen etwa 1140 und 1313 datiert; mit einer präziseren Einordnung tut sich die Forschung noch schwer.

 

Immerhin gibt es Hinweise aus Funden. Zu den frühesten Fundvorkommen gehört der bereits erwähnte Schatzfund von Niederried, der um 1200 verborgen wurde; er steht allerdings nicht im Kontext der Bündner Pässe. Anders der Fund eines Mailänder Denars, eines sog. denaro terzolo aus Nänikon-Uster im Zürcher Oberland, das durch die Walenseestrecke direkt an den Alpentransit über die Bündner Pässe angeschlossen war.

Die Münze von Nänikon, in der Zeit nach etwa 1160 geprägt, wurde in einer Brandschuttschicht eines ehemaligen Wohnturms entdeckt; diese Schicht enthielt Reste eines Bretterbodens wohl einer Decke mit Dendrodaten «nicht vor 1181». Der Turm brannte vermutlich um 1200 ab und wurde nicht wieder aufgebaut. – Der Denar zirkulierte also um bereits um 1200 in Nänikon.

Wir wissen nicht, zu welchem Kurs die oberitalienischen Pfenige hier zirkulierten. Sie dürften aber denselben, allenfalls den doppelten Wert einheimischer Pfennige gehabt haben. In jedem Fall waren es von der Machart her zu den einheimischen Prägungen komplementäre Münzen; falls die Vermutung richtig ist, dass sie als zweifache Pfennige umliefen, hätten sie auch etwas höhere Wertstufen vertreten, die von der einheimischen Münzprägung nicht abgedeckt werden konnten.

 

Eine gewisse Komplementarität zeigt sich auch im Vergleich des Verbreitungsbildes der oberitalienischen Münzen mit demjenigen der einheimischen Bodenseepfennige. Deren Umlaufgebiet erstreckte sich südlich des Bodensees bis in die nördlichen Teile des heutigen Kantons St. Gallen, im Alpenrheintal bis in die Gegend des heutigen Fürstentums Liechtenstein und höchstens bis ins Werdenberg.

Die Verbreitung spiegelt die maximale Ausdehnung des Währungsgebietes des Konstanzer Pfennigs. Im Alpenrheintal ergänzen die Funde aber auf willkommene Weise die schriftliche Überlieferung, die wir haben, wie Sie aus dieser Gegenüberstellung sehen: sie kombiniert die Nennungen des Konstanzer Pfennigs im berühmten Liber decimationis von 1275, der Erhebung des Kreuzzugzehnten im Bistum Konstanz, mit den Funden.

Umgekehrt finden sich die oberitalienischen Pfennige vorwiegend in den südlichen Teilen des Alpenrheintals, strahlen aber durchaus darüber hinaus. Es entstehen Überlappungszonen, in denen offensichtlich beide Pfennigsorten kursierten, ob zur genau gleichen Zeit, lässt sich allerdings bisher nicht mit Sicherheit bestimmen. Es spricht aber einiges dafür, dass zeitlich der Umlaufhöhepunkt der oberitalienischen Denare mit demjenigen der Bodenseepfennige weitgehend zusammenfällt, vermutlich in der Mitte bis 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts.

 

Halten wir fest: Ab dem Ende des 12., vermutlich aber vor allem im 13. Jahrhundert erscheinen immer wieder oberitalienische Pfennige im Münzumlauf der östlichen Schweiz und ihrer Nachbargebiete. Erst im weiträumigen Vergleich zeigt, dass es sich nicht um isolierte Einsprengsel im Münzumlauf handelt, sondern um ein regional auftretendes Phänomen. Es ist eine eigentliche Kleingeldwanderung von Süden nach Norden, die durch den Alpentransit über die Bündner Pässe ausgelöst wird. Es spricht zudem einiges dafür, dass diese Münzen, wohl zeitlich begrenzt und in erster Linie dort, wo der Passverkehr im Münzumlauf direkt einwirken konnte, auch Lücken im lokalen Währungssystem ausfüllten, das ja keine grösseren Münzen als den Pfennig kannte.

Diese Kleingeldwanderung kann als Vorläufer des mächtigen Zustroms italienischer, vor allem mailändischer Münzen gelten, die ab der zweiten Hälfte des 14. Jhs. ein dominierendes Element im schweizerischen Münzumlauf bilden sollten. Der um 1360/65 verborgende Schatzfund von Vaduz ist eines der frühesten Zeugnisse dafür. (Sie sehen hier eine Typenauswahl, oben tirolisch-oberitalienischen Münzen des Fundes). Diese mächtige Importwelle des 14. Jahrhunderts stellte Wertstufen in Form von Münzgeld zur Verfügung, die die einheimische Münzprägung erst zu Beginn des 15. Jhs. mit der eigenen Prägung von Mehrfachwerten des Pfennigs zu liefern begann.

 

 

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