Schweiz – Suisse – Svizzera: (Mittelalter / Neuzeit)

Survey of Numismatic Research 1996–2001

Benedikt Zäch

Druck: A Survey of Numismatic Research 1996–2001, ed. Carmen Alfaro, Andrew Burnett, Madrid 2003 (International Association of Professional Numismatists, Special Publication No. 14), S. 495–502.

 

Der Literaturbericht umfasst das Gebiet der heutigen Schweiz sowie das Fürstentum Liechtenstein. Der verfügbare Platz zwang zu einer strikten Auswahl, der vor allem kleinere Beiträge zum Opfer fielen.

 

Bibliographie, Allgemeines

Das numismatische Schrifttum wird jährlich in der Bibliographie zur Schweizer Kunst (3) erfasst, die der Numismatik ein eigenes Kapitel widmet; die Titel seit 1995 sind auf dem Internet abrufbar (www.demap-ethbib.ethz.ch). Das seit 1993 ebenfalls jährlich erscheinende Bulletin IFS (5) erfasst die Literatur zu Münzfunden. Weitere bibliographische Hilfsmittel sind Inhaltsregister numismatischer Zeitschriften (54, 84) und Schriftenverzeichnisse (83).

Die beiden wichtigsten Zeitschriften werden von der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft herausgegeben; obwohl international ausgerichtet, widmen sie sich stark schweizerischen Themen: Schweizerische Numismatische Rundschau (jährlich) (vgl. 23, 24, 31, 43, 61) und Schweizer Münzblätter (vierteljährlich) (vgl. 4, 6, 9, 26, 27, 30, 38, 40, 46–48, 75, 76, 83). Bei den Sammlerzeitschriften mit Fachartikeln fand eine eigentliche Flurbereinigung statt. Die beiden in der Schweiz verlegten, thematisch aber stark nach Deutschland ausgerichteten Zeitschriften (Münzen-Revue und Money trend) wurden nach Deutschland und Österreich verkauft. Die beiden schweizerischen Sammlerzeitschriften, die Helvetische Münzenzeitung (seit 1966), die traditionell mit kleineren Fachartikeln hervorgetreten ist (vgl. 45, 52, 64) und die auf diesem Gebiet weniger profilierte Numis-Post (seit 1967) wurden unter Federführung der Numis-Post Anfang 2002 zur Numis-Post & HMZ vereinigt; die Folgen für die numismatische Publizistik bleiben abzuwarten.

Die Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Münz- und Geldgeschichte der Schweiz belebte sich merklich durch neu in dieser Epoche hervortretende Forscherinnen und Forscher wie Frey-Kupper (vgl. 17, 20–22) und Froidevaux (vgl. 8, 23–27) sowie Vertreter der jüngeren Generation wie Diaz Tabernero (vgl. 11–13), Schmutz (vgl. 38, 68–71), Muhlemann (vgl. 58) und Fedel (vgl. 19). Es ist kein Zufall, vielmehr Ausdruck der besonderen Dynamik der Fundmünzennumismatik, dass fast alle dieser Autorinnen und Autoren ihren Schwerpunkt in der Münzfundbearbeitung haben.

 

Museen und Sammlungen

Das Historische Museum Aargau auf Schloss Lenzburg nutzte die Aufarbeitung der bisher wenig bekannten kantonalen Münzsammlung zwischen 1992 und 1996 zur Präsentation seiner Bestände in einer Publikation (59), die eine Mischung aus Sammlungskatalog (90) und Aufsatzband ist; nur ein Teil der Beiträge ist hier berücksichtigt (vgl. 74, 82, 89). Von anderen öffentlichen Sammlungen gibt es kleinere Teilkataloge (39, 58). Unter den Ausstellungskatalogen sei hier nur eine Ausstellung mit Karikaturen zu Geldthemen angeführt (34). 1999 öffnete ein neues – virtuelles – Münzmuseum (www.moneymuseum.com) in Zürich seine Pforten (9), das 2002 aber doch auch mit einer – realen – ständigen Ausstellung ergänzt werden soll.

Zäch legt eine kurze Geschichte des Winterthurer Münzkabinetts vor (86) und versucht eine Einordnung der Münzsammlung des Kantons Aargau in die historische Entwicklung öffentlicher Münzsammlungen der Schweiz (82), während Zemp die wechselvolle Geschichte dieser Münzsammlung aufrollt (89).

 

Münz- und Geldgeschichte

Morard (56) steuert in einer Geschichte der Westschweiz im Mittelalter einen geldgeschichtlichen Beitrag bei; es ist leider die einzige der in den letzten Jahren zahlreichen neuen Kantons- und Regionalgeschichten, die der Geldgeschichte überhaupt einen Platz einräumt. Dies ist beim Mangel an Überblickswerken und Neubearbeitungen älterer Standardwerke leider nicht verwunderlich; dass ein – allerdings bedeutendes – Werk von 1909 unverändert neu aufgelegt wird (60), macht diese Lücke noch sichtbarer. Einen vielversprechenden Weg der Vermittlung von Geldgeschichte an ein breites Publikum eröffnet hingegen die sorgfältig erarbeitete und aufgemachte Veröffentlichung von Lory und Schmutz (53). Auch Jubiläen lösen neue Forschungen aus: In Schaffhausen war die 950-Jahr-Feier der Münzrechtsverleihung von 1045 Anlass für einen Sammelband mit neuen Beiträgen zur Schaffhauser Münz- und Geldgeschichte (vgl. 62, 68, 73).

Für das Frühmittelalter erschienen keine übergreifenden Arbeiten; neue Münzen werden unter anderem durch Brosi (4) bekanntgemacht. Den wichtigsten münzgeschichtlichen Beitrag liefern Geiger und Wyprächtiger (31) mit Überlegungen zu nach Gewicht zusammenstellten Totenbörsen.

Mit der Münzgeschichte des 10.–12. Jahrhunderts beschäftigen sich Geiger (30) und Klein (41, 42) sowie Campagnolo (7), alle drei ausgehend von bedeutenden Funden. Stärker als in früheren Jahren kam das Spätmittelalter zum Zug: Für Neuchâtel legen Plancherel und Spoerri (61) eine sorgfältige Studie zu den einseitigen Pfennigen des 14. Jahrhunderts vor, Geiger (29) präsentiert den Zwischenstand einer Münzgeschichte Berns, die er seit längerem vorbereitet. Kleinere Beiträge für das 13. bis frühe 16. Jahrhundert liefern etwa Frey-Kupper und Gerber (22), Kunzmann (46), Kunzmann und Luraschi (48), Lory (52) und Morenzoni (57); bei Derschka (10) und Schmutz (69) sind wichtige Beiträge in Fundauswertungen integriert.

Für die Neuzeit ist die bedeutendste Neuerscheinung ein umfangreiches, auf langjährigen Vorarbeiten beruhende Tabellenwerk von Körner, Furrer und Bartlome (28). Auf einer breiten Quellenbasis erlaubt es erstmals, die zahlreichen, untereinander nicht kompatiblen Rechnungswährungen der schweizerischen Orte des Ancien Régime miteinander in Beziehung zu bringen – eine unschätzbare Hilfe für alle Zweige der Geschichtsforschung. Da die Zusammenstellung ausschliesslich auf Schriftquellen meist normativer Art (Münzmandate, offizielle Tarife etc.) beruht, werden Münzfunde als Niederschlag einer anderen «Teilrealität» des Münzumlaufs dieses Bild des Geldumlaufs dennoch weiterhin ergänzen müssen. Ausgreifende Untersuchungen von Froidevaux und Mitautoren, ausgehend von einer Neubearbeitung der Münzgeschichte Neuchâtels, befassen sich, unter Beizug eines immensen Materials an Schriftquellen, mit der «Münzkrise» des 17. Jahrhunderts (23), der Münzprägung (27) und der teils «industriell» betriebenen Fälschung von fremden (24,25), besonders französischen (8) Münzen als Mittel des Wirtschaftskriegs. In einem wegweisenden Ansatz stehen Quellen und Arbeiten dieses grossangelegten Forschungsprojekts auch im Internet zur Verfügung (www.numisinfo.com).

Eine wichtige Studie zum frühneuzeitlichen Geldumlauf liegt von Girola (35) zum Veltlin vor, das von 1512 bis 1797 Teil Graubündens war. Eine Reihe von Arbeiten befassen sich mit den Münzen selbst: Tobler (75) stellt eine umfassende Typologie (29 Typen mit 105 Varianten) der 1/6 Assis von Zug, zusammen; Winterstein (79) legt einen Katalog – leider mit rudimentären Referenzzitaten – der Klippen von Schweizer Münzen vor; Tobler und Kunzmann (76) setzen ihre Serie zu Schweizer Kleinmünzen fort; Klein (40) erweitert mit einem neuen Stück die bisher nur für das 16. Jahrhundert belegte Münzprägung des Gotteshausbundes in das 17. Jahrhundert hinein; Schäppi (64) und Kunzmann (45) beschäftigen sich mit der Münzprägung Zürichs im 18. Jahrhundert. Dubuis (16) stellt Fallstudien zur «kleinkriminellen» Münzfälschung und deren Verfolgung in der Waadt zwischen 1715 und 1750 an.

Einen Schwerpunkt bilden Arbeiten zum 19. und 20. Jahrhundert, teils ausgelöst durch das Jubiläum 150 Jahre Bundesstaat (1848–1998): das Buch von Lescaze, de Rivaz und Campagnolo (49) befasst sich mit dem münzgeschichtlichen und künstlerischen Umfeld der ersten Bundesmünzen und Campagnolo (8) legt dazu eine Einzelstudie vor. In den bereits erwähnten Lenzburger und Schaffhauser Sammelbänden befasst sich Tobler mit dem Geldumlauf der Zeit um 1800 (73) und der Münzreform von 1850 (74). Froidevaux (26) entlarvt gefährliche Sammler-Fälschungen von Neuenburger Taler der Zeit um 1810 als «Nachprägungen» der Münzstätte von Brüssel. Den jüngsten münzgeschichtlichen Einschnitt, die Aufgabe der Silberwährung 1968, beleuchtet Kunzmann (47). Schliesslich legt Divo neue Kataloge zur jüngsten Münzprägung der Schweiz (14) und des Fürstentum Liechtensteins (15) auf.

 

Münzfunde und Geldumlauf

Die Bearbeitung von Münzfunden hat hohe Bedeutung innerhalb der schweizerischen Numismatik und schlägt sich in zahlreichen Veröffentlichungen nieder. Für diese Dynamik ist nicht zuletzt das bei der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) angesiedelte Inventar der Fundmünzen der Schweiz (IFS) verantwortlich; Dubuis und Frey-Kupper (17) resümieren die ersten fünf Jahre des Unternehmens. Zäch (88) legt in der Monographien-Reihe des IFS 156 Münzfunde des Kantons St. Gallen vom 6. bis 20. Jahrhundert vor. Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Fundmünzen (SAF) auf der anderen Seite versucht mit ihren Tagungen übergreifender Fragestellungen zu befördern: nach der ersten Tagung zu Kirchenfunden 1993 veranstaltete sie 1995 eine weitere zu Münzfunden aus Gräbern; im Tagungsband (77) stellen Auberson (1) und Helmig (36) wichtige Materialien zu Münzbeigaben in mittelalterlichen Gräbern zusammen.

Mehrere Schatzfunde sind, teils mit ausführlichen Auswertungen, vorgelegt worden: Geiger und Wyprächtiger (31) präsentieren eine umfassende Studie der kleinen Börse von 20 Trienten des 7. Jahrhunderts aus dem Gräberfeld von Schleitheim-Hebsack SH. Diaz Tabernero und Zäch (13) stellen eine kleine Börse (14 Münzen) des 10. Jahrhunderts aus Chur vor, die anlässlich von Grabungen entdeckt wurde.

Zu zwei bedeutenden Schatzfunden des 11. Jahrhunderts liegen eine grössere und zwei kleinere Vorarbeiten vor: Klein (43) veröffentlicht eine detaillierte Übersicht über den 1995 im Basler Münzhandel aufgetauchten «Fund um 1050» (1696 Münzen erfasst), der aus der Region Basel stammt und grosse Serien von Basler und Zürcher Pfennigen des 11. Jh. enthält; eine weitere Studie von Klein (42) zum Ende der herzoglichen Münzprägung in Zürich geht ebenfalls von diesem Fund aus. Den um 1993 im Genfer Münzhandel aufgetauchten «trésor de Conrad» (rund 2000 Münzen) aus der Gegend von Genf mit Denaren des Bistums Genf der Zeit vor etwa 1030 nimmt Campagnolo (7) zum Anlass für eine Detailstudie zur Obolprägung zweier Genfer Bischöfe. Zu denken gibt, dass beide Schatzfunde, jeweils wohl die wichtigsten ihrer Zeit und Region, letztlich ohne genaue Fundortangabe sind und wohl auch nicht vollständig erfasst sind. Einen bisher nur andeutungsweise bekannten, 1989 in einem Grab am Weg zum Grossen St. Bernhard entdeckten Schatzfund mit 60 Mainzer Denaren des frühen 12. Jahrhunderts machen El Sherbiny und Elsig (18) in einer konzentrierten Übersicht zugänglich.

Schmutz (69, 71) erschliesst zwei ältere Schatzfunde des Spätmittelalters neu: die ausführlichen Vorlagen des Schatzfundes von Eschikofen TG (844 Münzen, verborgen um 1330) und Ruggell FL, Schellenberger Wald (611 Münzen, verborgen um 1460) enthalten jeweils sorgfältige münzgeschichtliche Auswertungen. Schärli (66) erarbeitet eine minutiöse typologische Detailanalyse eines 1937 entdeckten Ensembles von Turnosen aus dem Basler Judenfriedhof (56 Münzen, verborgen um 1305), Schärli und Koenig (65) machen mit den Funden aus Grabungen im ehemaligen Cluniazenserpriorat auf der Petersinsel im Bielersee einen kleinen Goldhort (5 Münzen, verborgen Anfang 1380er Jahre) bekannt.

Zunehmend werden auch schriftliche Quellen zu älteren Schatzfunden einbezogen: Geiser und Lagnel (32) nutzen die bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreichende archivalische Überlieferung des Lausanner Münzkabinetts zur Rekonstruktion von Schatzfunden des 12.–15. Jahrhunderts in der Waadt. Schärli (67) nimmt sich der Rekonstruktion des 1877 entdeckten Schatzfundes von Küttigen AG (45 Münzen, verborgen nach 1402) an und Lory (50) trägt Materialien zum 1891 entdeckten Schatzfundes von Thun BE (200–1400? Münzen, verborgen nach 1395) zusammen; beide Arbeiten zeigen, wieviel eine eingehende Sichtung der Quellen zu vermeintlich «verlorenen» Funden bringt.

Münzfunde aus Siedlungsgrabungen und Einzelfunde werden archäologisch wie numismatisch intensiv aufgearbeitet. Geiser (33) legt merowingische Einzelfunde der Westschweiz vor. Diaz Tabernero (11) stellt in einem Vorbericht die 895, vorwiegend mittalterlichen und frühneuzeitlichen Münzen aus den Grabungen 1969–1995 im Kloster St. Johann in Müstair GR vor. Diaz Tabernero (12), Fedel (19), Frey-Kupper und Koenig (21) sowie Koenig und Schmutz (44) stehen als Beispiele für mit auswertenden Kommentaren versehene Fundvorlagen einzelner Siedlungsgrabungen. Zäch und Warburton-Ackermann (81) legen mit Katalog und archäologisch-numismatischem Kommentar 149 numismatische Objekte aus nahezu 30 Grabungen und Funden in der Winterthurer Altstadt vor.

Die meisten Fundbearbeitungen beschäftigen sich auch mit Fragen des Geldumlaufs. Zwei Arbeiten stellen ihn ins Zentrum: Zäch (85) gibt erstmals einen systematischen Gesamtüberblick über fremde Einflüsse auf den mittelalterlichen Münzumlauf in der Schweiz und versucht mit Hilfe einer Analyse von gegen 80 Funden einen Problemaufriss der wichtigsten Fragen, Anhaltspunkte und Desiderata. Schmutz (68) nimmt sich das Umlaufgebiet des Schaffhauser Pfennigs im 13./14. Jahrhundert vor und stellt Funde und Schriftquellen einander gegenüber.

 

Prägetechnik, Münzmeister, Gebrauch von Münzen

Jäggy und Schmutz (38) stellen einleuchtende, experimentell erarbeitete Überlegungen zur Herstellung von Brakteaten an, ausgehend von Beobachtungen zu Prägespuren; ihre Erkenntnisse lösen zumindest einige Fragen der Herstellungstechnik auf verblüffende Weise. Zäch (87) gibt einen Überblick über die Räumlichkeiten und Einrichtung von Münzstätten in den deutschsprachigen Ländern. Wichtige biographische Beiträge zu Münzmeistern liefern Henrich (37) mit einer aus weitverstreutem Quellenmaterial zusammengestellten Vita eines der «Erfinder» des Münzwalzwerks und Wyss-Roesle (80) für einen Zürcher Münzmeister des 18. Jahrhunderts. Trümpler (78) stellt zwei Glasgemälde des 16. Jahrhundert vor, die für Schaffhauser Münzmeister Werner Zentgraf entstanden sind und auf seine Tätigkeit Bezug nehmen.

Mit Geld ist auch der tägliche Umgang damit angesprochen. Auberson (2) sowie Martin und Campagnolo (55) stellen neues Material zu Geldwaagen vor. Lory (51) behandelt ein im Schlossmuseum Thun befindliches Exemplar eines der frühesten gedruckten Rechenbücher und Schmutz (70) eine Episode des Gebrauchs von Münzen und Medaillen als Mittel der Geschenk-Diplomatie.

 

Marken, Papiergeld, Ikonographie

Frey-Kupper (20) weist auf sehr seltene Spuren einer Produktion von Blei-Zinn-Marken und Pilgermarken in Bern hin. de Rivaz (63) publiziert einen Katalog der schweizerischen Banknoten seit 1907. Richter (62) geht auf das Papiergeld der Schaffhauser Banken im 19. Jahrhundert ein. In einer umfangreichen Studie untersucht Schwarzenbach (72) Bilder und Selbstbilder Belgiens und der Schweiz im Spiegel ihrer Münzen, Noten und Briefmarken.

 

Forschungs- und Literaturberichte