Numismatisches Kolloquium WS 2001–2002
Bemerkungen zu Wechsel und Kredit
im 13.–16. Jahrhundert
Differenzierung des Geldumlaufs (13.–15. Jh.)
Die «monetäre Revolution des 13. Jahrhunderts» (Marc Bloch) führt zu neuen Nominalen in Gold und Silber: Es entsteht ein Münzumlauf auf drei Niveaus, die – etwas schematisiert – unterschiedliche Funktionen innerhalb der monetären Transaktionen übernehmen:
a) Goldmünzen (Florene, Dukaten): Fernhandel; grosse politische Zahlungen
b) Silbermünzen (Grossi, Groschen): gewerblicher Handel auf lokaler und regionaler / interregionaler Ebene; Steuern und andere Zahlungen (Sold, Lehen etc.)
c) Billonmünzen (Pfennige und andere Kleinmünzen): Kleinhandel auf lokaler Ebene; kleine Transaktionen im innerurbanen Bereich
Ausserdem entstehen neue Instrumente des bargeldlosen Zahlungsverkehrs: Wechselbrief und Bankanweisung. Der Geldumlauf entspricht nicht mehr dem Münzumlauf und differenziert sich. Die verschiedenen Geldebenen (denen unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Handlungsebenen entsprechen) ergänzen und überschneiden sich, schliessen sich aber teilweise auch aus. – Fast alle diese Anstösse gehen von Italien aus und werden im übrigen Europa erst nach einiger Zeit, d.h. im 14. und 15. Jahrhundert wirksam.
Eine Folge dieser Entwicklungen ist zum einen eine gewisse monetäre Instabilität, zum anderen entsteht das Bedürfnis nach «Intermediären» für den Münzumtausch (Geldwechsel) und neue Formen bargeldslosen Geldgebrauchs (Bankwechsel, Kreditformen); das Instrument des Kredits verbreitet sich in alle sozialen Schichten wird ab dem späten 14. Jahrhundert auch auf lokaler Ebene üblich.
Wechsel und Kredit: Spezialisten-Netzwerke (13./14. Jh.)
Zunächst ist es eine kleine Gruppe hoch vernetzter Spezialisten, die das Geschäft des Geldwechsels und Kredits betreibt. Diese Konsortien arbeiten meist von einem Ort aus, mit Ablegern an weiteren Plätzen und zahlreichen Querverbindungen; sie kommen aus der Lombardei (z.B. Mailand), dem Piemont (Asti) und aus Südfrankreich (Cahors). Der Begriff «Lombarde» setzt sich für diese Gruppen als Berufsbezeichnung fest. Im Kreditgewerbe sind besonders Juden tätig, da sie nicht dem kirchlichen Zinsverbot unterstehen.
Beides, Wechsel und Kredit, erfordert weiträumige Verbindungen, gute Kenntnisse und Informationen über kurzfristige monetäre Entwicklungen sowie Vertrauensleute an anderen Orten, die für Kredite und Kurse Gewähr geben und Auszahlungen leisten können. Kredithändler müssen auch in grossem Umfang mit Pfändern und Wertgegenständen als Sicherheiten für Kredite umgehen können; diese bestehen häufig aus Edelmetallobjekten.
Lokales Kredit- und Wechselgeschäft (15./16. Jh.)
Das zunehmende Volumen der Wechsel- und Kreditgeschäfte und deren allgemeine Verbreitung involviert zunehmend lokale Eliten in das Geschäft. Die Entstehung eines regional verankerten Grosshandels mittlerer Reichweite (mit Vieh, Getreide, Salz, Eisen etc.) und ein intensiver Kleinhandel in den Städten bringt neue soziale Gruppen in regelmässigen Kontakt mit dem Geldmarkt.
Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist eine Tendenz zur Verdrängung der weiträumig operierenden Geld- und Kredithändler deutlich. Abrupte Brüche verursachen auch die verschiedenen Wellen von Judenverfolgungen, in deren Gefolge immer grosse Konfiskationen von Besitztümern und erzwungene Tilgungen von jüdischen Gläubigerguthaben zu verzeichnen sind. An deren Stelle treten im lokalen Rahmen agierende Geldhändler, die oft in erster Linie als Grosskaufleute tätig sind. Daneben etabliert sich ein Kleinkreditgewerbe, das oft auf Pfandbasis Bedürfnisse der unteren sozialen Schichten abdeckt.
Mit einem stark steigenden Bedarf an Geld entstehen zudem neue Formen bargeldloser oder bargeldarmer Transaktionen, zu den etwa die Rentengeschäfte oder Verpfändungen gehören. Rentenkauf ist eine beliebte Anleihensform im städtischen Umfeld, während die Verpfändung von Herrschaftsrechten vor allem den Landesherrschaften zur Geldbeschaffung dient.
In verschiedenen Städten (Basel, Zürich, Strassburg) wird der Wechsel seit Beginn des 15. Jahrhunderts an die Obrigkeit gezogen und in städtischem Auftrag geführt oder verpachtet. In Italien entstehen ab dem späteren 15. Jahrhundert öffentliche Pfandleihen, die das Kleinkreditgeschäft zu viel günstigeren Bedingungen (5–6 % Zins statt 20–40 %) betreiben als professionelle Kredithändler. Dies hat eine wichtige stabilisierende Funktion, denn das Kreditgeschäft mit seinen Folgen (starke Verschuldung ganzer sozialer Gruppen) ist bisweilen ein Katalysator für soziale Unrast.
Münz- und Rechensysteme, Zahlungsformen
Die Ausdifferenzierung der Nominale führt zu eigentlichen Münzsystemen mit aufeinander bezogenen Werten, aber auch zu parallelen Rechnungssystemen. Die Rechnungswährungen beziehen sich entweder auf den Pfennig, den Groschen, die vorherrschende Goldmünze oder sogar – wiederum nicht relles – Bankgeld. In Mittel- und Nordeuropa behält auch Barrensilber bis ins 14. Jahrhundert eine grosse Bedeutung.
Mehrere Rechnungssysteme können nebeneinander existieren. Da auch die Verfügbarkeit der jeweiligen Münzen nicht immer gewährleistet ist, wird im 14. und 15. Jahrhundert die Zahlungsform (in Münzen, gezählt oder gewogen, als Verrechnung von Ansprüchen, mit Barrensilber etc.) ein Bestandteil der Verhandlung über die Höhe zu bezahlender Summen. Bei grossen Summen legt man komplizierte Prozeduren zur Begleichung der Zahlung fest, oft in einer Kombination von Gold, Silber und bargeldlosen Verrechnungen oder Deposita in Geld oder Edelmetall.
Beispiele für Zahlungsebenen und Zahlungsformen:
1293, England / Schottland / Norwegen
Der englische König weist einem Empfänger schottische Geldeinkünfte an (Assignation), dem vom norwegischen König Einnahmen assigniert sind, die wiederum dem norwegischen vom englischen König assigniert worden sind.
1320, Trondheim (Norwegen)
Vier Bischöfe bezeugen, dass der Erzbischof von T. als päpstlicher Kollektor des Peterspfennigs in ihrer Anwesenheit fecit diligenter ponderari ad summam 478 Mark 4 Schillinge bonorum legalium sterlingorum communis et consueti ponderis Noricani.
1359, Rheinfelden
Die Herren von Klingen nehmen für die Übergabe von Rheinfelden von den Herzögen von Österreich eine Zahlung von 20'000 Gulden Florentiner Gewichts an; sie besteht aus Guldin und ungemüntzet gold, silber und klein phenning, als die denne ze mal louffent gemainlich nach gewonlichem wechsel in den stetten ze Basel, ze Schaffhausen oder ze Costentz.
1420, Paris
In einer Hochpreisphase werden Äpfel mit Viertelpfennigen gekauft, Eier zu einem blanc für 3 Stück und Heringe zu einem Goldflorin zu 100 Stück.